Für die, die es nicht können. // Für those, who can’t

Du fragst, warum ich über mich sprechen muss, warum ich mein Anderssein in die Öffentlichkeit und manchmal sogar auf die Straße trage. Warum ich eine Sache, die doch nur mich etwas angeht, öffentlich zur Schau stelle und diskutiere.

Ich bin anders. Ich wurde in einem genetisch weiblichen Körper geboren und habe ihn mithilfe von Hormonen und Operationen so gestaltet, dass mir nicht mehr schlecht wird, wenn ich mein Spiegelbild sehe. Der Weg dorthin brauchte viel Kraft. Keinen Mut, wie du vielleicht denkst oder auch sagst, sondern Überlebenswillen. Dass ich heute bin, wer ich bin, ist das Ergebnis von sehr viel Eigenleistung. Und einer Gesellschaft, die mir, so unperfekt sie auch sein mag, die Möglichkeit dazu gab. Ich habe überlebt.

Es gibt Menschen, die entscheiden sich auch in unserer Gesellschaft dafür, ihr Leben nicht auf den Präsentierteller zu legen. Zu feindselig ist ihre Umgebung, zu groß die Gefahr für Leib, Leben, Liebe und auch Lebensunterhalt, wenn sie sich als die zeigen, die sie sind. Ihre Gründe, nicht gesehen zu werden, sind wichtig und sie sind geprägt von realen und irrealen Ängsten, die damit zu tun haben, dass sie in einer unwirtlichen Umgebung leben, die in ihren Augen keinen Platz hat für ihr Anderssein.

Unsere Gesellschaft steht an einem Scheideweg. Sie muss sich entscheiden, ob sie die Vielfalt aller Lebenswege und Formen akzeptiert oder aus einem Mangel an gefühlter Identität und einer Mischung aus Bitterkeit und Angst den Imperativ einer Einheitskultur wählt.

Genau in diesem Milieu ist es wichtig, Gesicht zu zeigen. Flagge zu bekennen für Pluralität, wenn Angst beginnt, sie unsichtbar zu machen. Flagge zu bekennen für Sichtbarkeit. Flagge zu bekennen für eine Gesellschaft, in der wir leben wollen. Zu sagen, schau her, ich bin hier. Ich bin anders, aber ein Menschenkind, wie du.

Angst macht Enge in Köpfen, wo Weite doch so viel Mehrwert bietet. Ein „wir“ nämlich ohne eine Definition darüber, dass andere die Schlechteren sind.

Habe ich Angst, gesehen zu werden und verletzbar zu sein? Aber ja. Jedes Mal. Habe ich Angst, abgelehnt, verdrängt, ignoriert oder von Hass verletzt zu werden? Ja, habe ich. Aber ich kann es bislang noch ohne Gefahr für Leib, Leben und Unterhalt. Solange das so ist, werde ich mit einem Stolz, der sich nicht über das definiert, das andere schlechter sind, aufstehen und mein Gesicht zeigen. Und hoffentlich wäre mein Mut groß genug, es auch dann noch zu tun, wenn das einmal nicht mehr so wäre. Für die, die es eben nicht können. Und die mich vielleicht sehen und insgeheim einen Keim der Hoffnung in ihrem Herzen mit nach Hause nehmen.

Du fragst, warum ich über mich sprechen muss, warum ich mein Anderssein in die Öffentlichkeit und manchmal sogar auf die Straße trage. Warum ich eine Sache, die doch nur mich etwas angeht, öffentlich zur Schau stelle und diskutiere.

Ich sage, genau deswegen.

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You keep asking me, why I feel the need to speak about me, why I keep dragging my otherness into the open, sometimes even to the streets. Why I insist on presenting something, that basically only concerns me, to a wider public, opening it up to discussion.

I am different. I was born in a genetically female body and managed to redesign it with the help of hormones and surgeries to make it into a body that doesn’t make me retch everytime I see my reflection in the mirror. Getting there took strength. Not courage, like you might say, but the will to survive. The reason why I am who I am today is the result of a lot of work. And of living in a society that, as imperfect as it might be, enabled me to do so. So I survived.

There are people even in our society, who decide not to put themselves and their lives out there. Their surroundings are maybe too hostile, dangers to life, love, and livelihood too big, to make themselves known as they are. Their reasons to remain invisible are important and dominated by real and irreal fears resulting from hostile surroundings that seemingly have no place for their being different.

Our society has reached a crossroad. It needs to decide whether it is willing to accept the diversity of different walks of life or give in to the imperative of a monoculture due to a lack of identity paired with bitterness and fear.

At exactly this moment it is important to be visible. To show your true colors, supporting plurality in the face of fear. A fear that is trying to make us disappear. Fly your colors for a society we want to live in. To say: Look at me. This is me. I may be different, but I am a human being, just like you.

Fear makes heads shrink while openness has so much value to add. Openness offers a „we“ that does not need to define itself by belittling others.

Am I afraid to be seen, to be vulnerable? Of course I am. Every single time. Am I afraid to be rejected, replaced, ignored or hurt through hate? Yes, I am. But I can still do it without danger for life, physical integrity, and livelihood. And as long as I can do that, I will stand up and show my face, with a pride that is not defined by degrading others. I do hope that my courage would be big enough to keep doing it should that change one day. For those, who can’t. And who maybe see me and take a seedling of hope in their hearts with them.

You keep asking me, why I feel the need to speak about me, why I keep dragging my otherness into the open, sometimes even to the streets. Why I insist on presenting something, that basically only concerns me, to a wider public, opening it up to discussion?

I say, that’s why.

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