Befangenheitsklausel // Inhibition grande

Vor beinahe drei Jahren habe ich mit meiner körperlichen und damit auch gesellschaftlichen Transition von Frau zu Mann begonnen. Knapp anderthalb Jahre später mussten dann auch meine Brüste dran glauben und bescherten mir das Projekt Hühnerbrust. Aber es gibt Dinge, die werden mir erst jetzt richtig klar, während ich mich so langsam daran gewöhne, wie die Außenwelt meine Erscheinung inzwischen wahrnimmt und verortet. Eines dieser Dinge ist eine Tatsache, die ich bemerke, wenn ich mit Menschen interagiere, die nicht P. oder enge Freunde und Familie sind: Ich fühle mich gehemmt im Umgang mit Cis-Frauen, also Frauen, die mit dem ihnen bei Geburt aufgrund ihres Körpers zugeordneten Geschlechts kongruent leben.

So isses.

Ein Beispiel hierzu.  Solange ich für die Außenwelt noch als Frau erschien, fühlte ich mich nie unwohl dabei, eine Frau, die ich nicht so gut kannte, als Form des Trostes zu umarmen. Das ist nun komplett anders. Was dies verursacht, ist vermutlich eine Vorstellung in meinem Hinterkopf, dass ich bei dieser Handlung als übergriffig oder gar belästigend wahrgenommen werden könnte. Und um der Sache die Krone aufzusetzen, fühle ich dieses Zögern insbesondere dann, wenn (heterosexuelle) Cis-Männer anwesend sind – denn mit ihnen ist dieser Austausch von Mitgefühl gefühlt sehr einfach: meist reicht ein kräftiger Händedruck vollständig, um das Gefühl zu transportieren.

Jetzt, wo ich genauer darüber nachdenke, kommt es mir fast vor, als sei dieses „Problem“ eher ein Ringen mit Geschlechterklischees in meinem Kopf: „Heterosexuelle“ Männer, die nicht der Partner, ein Freund oder Familie der Frau sind, umarmen nämlich nicht ganz einfach mal eben so. Diese körperliche Nähe könnte als sehr seltsam und vor allem unerbeten erscheinen. Es könnte aber auch sein, dass es sich um einen riesigen, aufgeblasenen Hirnpups meinerseits handelt.

Was kann ich also tun, wenn ich das Gefühl habe, eine Person wirklich trösten zu wollen? Fragen, ob eine Umarmung ok wäre? Das fühlt sich einfach nur schmierig an. Diese Situation hat sich im Arbeitskontext in letzter Zeit mehrfach ergeben und ich habe jeweils beschlossen, nach einigem Herumgeeiere kurz den Arm oder die Schulter der Person zu berühren, statt zu umarmen. Zusätzlich habe ich mein Mitgefühl ausdrücklich verbal untermauert. Derzeit kommt mir dieses Vorgehen am sichersten vor, auch wenn ich mich irgendwie nicht so ganz authentisch dabei fühle – denn ich bin und bleibe ein herzlicher, manchmal eben auch körperlich naher Mensch.

Diese Geschichte hat irgendwie kein richtiges Ende, weil es sich ja um eine andauernde und nicht gelöste Situation handelt. Da ich in letzter Zeit den Blog aber irgendwie fast schon vernachlässigt habe und ich nicht ständig mit der Leier von meinem doofen Blutdruck nerven möchte, poste ich das einfach jetzt und werde gegebenenfalls ein Update verfassen, wenn mir was Schlaueres dazu einfällt.

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I am now almost three years into my physical and social transition from female to male and almost 1.5 years post-op top surgery. And there are things, that seem to become visible now that I am easing into who I represent to the outside world. Lately I have been noticing something in my interactions with people other than P. or close family and friends: I feel inhibited when interacting with cis women.

There. I said it.

An example. While I was still presenting as female to the outside world, I would never have shied away from hugging a woman that I wasn’t close friends with for means of providing comfort in a distressing situation. Now I do. I think what lies in the back of that is that I fear being perceived as invasive, encroaching even. And it is a hesitation I oddly enough feel most, when cis men are present, who are in some case even partners of the women in question. Because with them it is easy pickings. A handshake will suffice completely, most of the time.

Come to think of it, what kind of sounds like a fight with gender clichées in my head, might be just that. Namely the convention that „heterosexual“ men who are not your partner, close friend or family will not hug strangers for comfort. I feel like it might be uncalled for and could freak them out. But maybe it is just me having an enormous brain fart.

What can I do about that urge to comfort someone, though? Simply asking whether a hug would be ok just feels sleazy. I have been in that situation during work several times now and I have resorted to touching an arm or a shoulder in place of a bone-crushing hug. And to expressing my extreme sympathies verbally. Problem is, that change of acting towards others has left me feeling hollow, just not me. I am a hearty, and yes, sometimes also physically close guy.

As I haven’t posted that much lately, I have decided to post stuff I am not through with staking out, yet. I will keep you posted on the matter.

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Ein Gedanke zu “Befangenheitsklausel // Inhibition grande

  1. Als Frau teile ich tatsächlich Leute automatisch in unterschiedliche Kategorien ein, was körperliche Nähe angeht. Geschlecht, im weitesten Sinne, ist da ein Faktor, aber nicht der alleinige, und nicht so… pauschal. Eine kleine süße Oma darf mir eher an die Schulter fassen, als ein großer lauter Mann, auch wenn ich beide gleich wenig kenne und sie mich auf die gleiche Weise berühren. In der Regel! Ich glaube für so etwas kann es einfach keine Bedienungsanleitung geben, aber ich kann deine Verunsicherung nachempfinden. Wenn mir nachts in der Ferne jemand entgegenkommt, wird bei mir ganz radikal „gegendert“, bloß anhand einer Silhouette, um die Entscheidung zu treffen, ob ich präventiv die Straßenseite wechsel oder nicht. Manchmal wechsel ich aber selbst da trotz „Prognose Mann“ nicht die Straßenseite. Situationen, wie du sie beschreibst, sind nochmal komplexer, und gerade bei aufgewühlten oder fremden Menschen, würde ich eher klein anfangen, erstmal vorsichtig anbieten, und aufmerksam verfolgen, welche Signale vom Gegenüber kommen. Es ist eine gute Sache, dass du dir da Gedanken über so etwas machst, und bis zu einem gewissen Grad spielen bestimmte Geschlechter-Themen auch eine Rolle dabei, aber verallgemeinern kann man da immer schlecht, finde ich 🙂

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