Familienbande: Wie aus der Uhr meiner Mutter ein Geschenk meines Vaters wurde // Family ties: Making my mother’s watch a present from my father

Ich muss ein bisschen ausholen für diese Geschichte.

Mein Vater und ich, wir haben keine besonders gute Geschichte miteinander. Genau genommen haben wir seit etwa 25 Jahren nicht mehr miteinander geteilt als gelegentliche Hallos und Aufwiedersehens, wenn überhaupt. Dass das so war, hat viel aber nicht ausschließlich damit zu tun, wie ich auf seine Trennung von meiner Mutter reagiert habe. Genauer, auf die Art und Weise. Zu der Zeit, als die Ehe meiner Eltern den Weg des Dodos beschritt, befand ich mich in der Spätpubertät und außerdem in einer zutiefst moralischen Phase meines Lebens, was die Themen Treue, Ehe und Sexualität betraf. Dass mein Vater meine Mutter wegen einer jüngeren Frau verließ, wollte und konnte ich nicht verstehen, genausowenig wie die vorausgegangene Geheimniskrämerei.

Da ich sehr nachtragend sein kann (sagen wir besser konnte, ich arbeite daran), hielt dieses Verhalten eine Weile und irgendwann unternahm mein Vater auch keine Versuche mehr, Kontakt zu mir aufzunehmen. Verständlich. Genauso verständlich unter Erwachsenengesichtspunkten finde ich aus heutiger Sicht und nach vielen Erlebnissen mit den Verhaltensweisen meiner Mutter, dass er sich irgendwann neu verliebte und sagte „Fuck it, ich muss nicht weiter unglücklich sein“ (hierbei muss ich anmerken, dass es sich bei diesen Aussagen zunächst einmal um Vermutungen meinerseits handelt). Ich glaube, ich hätte in einer ähnlichen Situation irgendwann auch die Reißleine gezogen oder ziehen lassen.

Das Schweigen zwischen mir und meinem Vater hielt an, bis ich mit der Transition begann und dies zeitlich mit der Tatsache übereinander fiel, dass es meiner Mutter gesundheitlich immer schlechter ging.

Zu diesem Zeitpunkt begab sich nämlich vergangenes Jahr der Geburtstag unserer Nichte, der in der Rhön gefeiert werden sollte. Als ich anrief, um P.s und mein Kommen zu bestätigen sagte C. am Telefon nur: „Du, Papa ist aber auch da.“

Was früher zur sofortigen Reaktion geführt hätte „Ist ok, dann kommen wir ein andermal“, war diesmal nicht so verhersagbar. In meinem Kopf ratterte es nicht einmal. Testosteron machte die Entscheidung schneller und nachhaltig leichter. „Ist mir egal. Euer Haus ist ja groß genug.“ C. war hörbar verwundert, freute sich aber offensichtlich. Und P. bekam den Mund nicht mehr zu (ok, der war nicht so schlecht, wie er sich anhört). Als wir zwei Wochen später zur Geburtstagsfeier anreisten, parkten wir direkt vor der Garage des Hauses. P. hatte sich noch nicht einmal vollständig aus ihrer Arretierung hinter dem Lenkrad befreit, als mein Vater aus der Tür geschossen kam. Anders kann ich es nicht bezeichnen. Und bevor ich mich retten oder reagieren konnte, hatte er die Arme geöffnet und zog mich in eine kräftige Umarmung, die er mit einem geseufzten „Mäxchen“ begleitete. Vor Überraschung blieben mir erst mal die Worte stecken und ich drückte einfach ein bisschen zurück, bevor mein Vater beschloss, sich den behindertengerechten Umbau von P.s Auto näher anzusehen und P. und ich erklärten bereitwillig. Übersprungshandlung in Reinkultur.

Der Rest des Festes, bei dem meine Mutter auch anwesend und großflächig mit emotionalen Ausbrüchen beschäftigt war (offensichtlich bin ich über das Geschehene nicht hinweg, ansonsten würde ich es vermutlich etwas feinfühliger beschreiben), verlief hinsichtlich meines Vaters tiefenentspannt. Wir unterhielten uns über das Garen von Kartoffeln im Dampfkochtopf, ich lernte seine Partnerin kennen und wir unterhielten uns über Pferde. Und dazwischen noch übers Grillen, wenn man vegan lebt. Kurz: Es herrschte eitel Sonnenschein und P. war immer noch völlig perplex von meinem Verhalten. Ich sagte dazu nur „Na guck. Geht doch.“

Ich verlasse nun diesen Exkurs, so rührig er auch ist und so sehr ihn sich meine Zweitgutachterin bei Namens- und Personenstandsänderung auch gewünscht hatte (ich muss ihr noch mal schreiben), und spule vor. Zwischen dieser ersten Kontaktaufnahme und heute liegt das schwerere Erkranken meiner Mutter, das Auflösen Ihres Hausstandes, ihr Umzug in ein Pflegeheim, ihre wiederholten Aufenthalte im Krankenhaus und schließlich ihr Tod. In dieser Zeit begegneten mein Vater und ich uns immer wieder einmal und waren herzlich und freundlich miteinander. Bei der Beerdigung meiner Mutter dann verbrachten wir aber erstmals beim Essen danach wieder mehr Zeit zusammen.

Meine Mutter besaß eine Uhr, die ihr glaube ich mein Vater einmal geschenkt hatte. Meine beiden Brüder besitzen denselben Zeitmesser. Als C. nach der Beerdigung nun mit Kaffee aus der Küche kam, sagte er zu mir: „Du, ich hab die Uhr von Mama gefunden. Möchtest du sie nicht haben?“ Mein Vater saß neben mir. Ich entgegnete: „Du, ich weiß nicht, kommt mir energetisch nicht so nett vor. Außerdem standen wir jetzt wirklich nicht auf so gutem Fuß. Und sie wollte ihre Zeit auf Erden ja auch beendet wissen.“

In diesem Moment mischte sich mein Vater ein und erklärte umständlich, dass er die Uhr säubern und kalibrieren lassen könne. Und auf meinen Einwand, das Armband sei so gar nicht mein Fall, entgegnete er: „Was wäre dir denn lieber?“
„Silikon“, gab ich zurück.
„Ok, dann kümmere ich mich darum.“
Wieder einmal war ich erstaunt von meinem Vater.
„Lass mich einfach wissen, was es kostet, ich überweise es dir dann“, schob ich nach.
„Nein, nein, das erledige ich“, gab mein Vater zurück.
„Du, ich glaub, das lässt du deinen Vater mal machen“, raunte P. mir in diesem Moment über die Schulter. „Das ist ihm wichtig“.

Ich nickte und damit war die Sache geklärt. Auf die gewünschte Farbe sagte ich nur „bitte schwarz“, den Rest überließ ich ausdrücklich meinem Vater. Drei Wochen später flatterte mir ein Paket ins Haus, darin die Uhr und ein paar Zeilen. Das Armband war schlicht und geschmackvoll. Eine gute Wahl.

Seitdem trage ich die Uhr meines Vaters, die auch mal die Uhr meiner Mutter war, bevor sie mir mein Vater schenkte, zu schönen Anlässen und bei der Arbeit. Ihre energetische Dysbalance, die durch meine Mutter verursacht wurde, fühle ich dank seiner Intervention nicht mehr. Wenn Türen sich schließen, öffnen sich andere. So ist es wohl wirklich. Und das hin und wieder sogar, wenn man es gar nicht mehr erwartet.

_________

This story will take a bit of background to make sense.

My father and I don’t have the best history together. To be honest, we haven’t spoken much in more than 25 years apart from hellos and goodbyes at larger family events, that is, if I could muster the politeness to do even that. The reason for my being distant with my father had much – but not everything – to do with the way my parents‘ separation and divorce went down. When my parents‘ marriage went the way of the Dodo, I was in my late first puberty and was exploring an extremely moralistic phase about everything connected to faithfulness, matrimony, and sexuality. And that my father left my mother for a considerably younger woman was something I couldn’t and wouldn’t understand, just as much as the lies and the silence that had preceeded it.

As I can be quite unforgiving (or better used to be, as I am working on that) I kept this up for quite some time, resulting in my father ending all attempts to get in touch with me. Understandably so. Taken from the view of a now grown up, it is equally understandable that given the way my mother was acting, he fell in love with someone else at some point and said „fuck it, I don’t need to be unhappy, you know?“ (I have to admit, though, that we never talked to each other about this situation, thus what I say is only what I think he might have thought). Knowing what I know today, I might have acted pretty much the same way.

Silence between me and my father went on until I started my transition and that fact kind of overlapped with my mother’s health going downhill fast.

Around that time, our niece’s birthday was coming up and C.’s family in Rhön was preparing to celebrate. When I called him to tell him that P. and I were coming, C. just said: „Just so you know, dad will be here as well.“

In other times, conveying this information would have led to the default answer: „Alright then, we’ll come to see you another time“, but not last year, no. The info didn’t even become a blip on my radar and T made the decision deliciously easy. „I don’t care. Your house is big enough.“ Clearly C. was surprised to hear this sentence, but also happy. And P., well, she had trouble closing her mouth (this one isn’t even half as bad as it sounds!).

When, two weeks later, we arrived for our nieces birthday bash, we parked right in front of my brother’s garage. P. didn’t even have time to free herself from the locking mechanism for her wheelchair before the front door opened and my father basically came sprinting out. And before I could get myself out of the way or react with any kind of rejection, he was pulling me into a rib-crushing hug, accompanied by him sighing „Mäxchen“. While the surprise cat got my tongue for a moment I kinda hugged him back before he thankfully decided to submit the disability upgrade of P.’s car to closer inspection. Relieved, P. and I explained the different features. I guess you could call that a veritable displacement activity.

Over the rest of the celebration that was largely marked by teary meltdowns on behalf of my mother (by the way I need to phrase this I see that the past three years still haven’t left my system, yet), my father and I shared relaxed conversation about cooking potatoes in a pressure cooker, met his partner S., and talking about horses. And about having a cook-out as a vegan. In short: Everything was peachy and P. was flabberghasted by my change of behavior. Which left me saying: „Well, that went nicely.“

Getting back on track, as much as this is nicely emotional and as much as the second expert on my name and gender marker change wanted me to explore my relationship with my father, I now need to fast-forward. Between that day and the present moment lie my mom becoming seriously bed-ridden, having to move her out of her house and into a nursing home, her being hospitalized repeatedly, and her death. Over that period, my father and I met time and again while doing stuff for her and the encounters always were friendly. But the meal after her funeral was the first time we actually sat together for a bit longer again.

My mother had a watch that I think my father gave her initially. Both my brothers have the same one. When C. came with coffee from the kitchen after the funeral he said to me: „I found mom’s watch, by the way. Wouldn’t you like to have it?“ My father was sitting next to me at that time. I replied: „I think that this is not a wise choice, energetically speaking. We weren’t getting along too well and she also wanted her time on earth to end, you know.“

At that moment my father joined the conversation and explained in an undulated way that he could have the watch cleaned and calibrated for me. And when I told him that I didn’t like the wristband at all, he replied: „Which one would you like better, then?“
„Silicone“, I gave back.
„Ok, I’ll take care of that, then.“
Once again, I was surprised by my father.
„Just let me know what it’ll cost me, I’ll transfer you the money“, I added.
„No, no, I’ll take care of that“, my father objected.
„I think that is something your father needs to do“, P. prompted me at that moment. „Can’t you see that is important to him?“

I nodded. It was settled. When he inquired about any color wishes I replied „black, please“ and I told him that I would leave the rest up to him, thanking him. Only three weeks later, my father sent me a parcel with a short note attached. The wristband was simple and elegant. A good choice.

Since then, I have been wearing the watch that my father gave me, the watch that also used to belong to my mother, to festive events and at work. Its energetic dysbalance it achieved through belonging to my mother, has largely passed thanks to his intervention. When doors close, others open. I guess that much is true. And every now and then it even happens when you least expect it.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Familienbande: Wie aus der Uhr meiner Mutter ein Geschenk meines Vaters wurde // Family ties: Making my mother’s watch a present from my father

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.