Schatz, ich habe mich verliebt // Sweetie, I’ve fallen in love

(Anm.: Dieser Text entstand bereits im August, ich komme aber erst jetzt dazu, ihn zu übersetzen. Voilà. Verspätung mit mir selbst.)

Neulich saß ich neben P. im Auto. Wir fuhren gerade nach einem Ausflug ins Freibad zurück nach Hause. Plötzlich musste ich tief seufzen und P. fragte, was los sei.

„Nichts, schon ok“, sagte ich, nicht sicher, wie ich es sagen sollte.
P. zog ihre nicht vorhandenen Augenbrauenmuskeln mit aller Macht zusammen.
„Na, das hört sich aber nicht nach nichts an.“

Schweigen. Dann: „Ich glaube, ich habe mich verliebt.“ Und bevor P. den Blick von der Straße nehmen konnte, um mich alarmiert anzuschauen, denn diese Aussage war nicht als diese Art von Effekt gedacht (naja, ein bisschen schon), setzte ich nach: „… in mich selbst.“

Sichtlich erleichtert bog P. nach links ab und brachte uns auf die Straße nach Hause.
Aber seufzen, das musste musste ich ehrlich, und zwar aus tiefster Seele. Auf der langen, geradeaus führenden Straße vom Maaraueschwimmbad weg überkam mich dieses Gefühl übermächtig. Ich war gerade einen Kilometer geschwommen und fühlte mich wunderbar. Jede Faser in meinem Körper summte zufrieden und teilte mit, dass sie sich bewegt hatte. Und so saß ich da mit meinen 117 kg Lebendgewicht und liebte meinen Körper. Eigentlich wurde mir hier zum ersten Mal bewusst, dass das schon etwas länger so war, ich es nur nie in Worte fassen konnte.

Erstmals in meinem Leben – trotz Übergewicht, Bluthochdruck und Co. – fühle ich mich wohl in meinem Körper. Und ich mag es, ihn zu bewegen. Fahre sogar Fahrrad einfach so und ohne, dass ich etwas am anderen Ende der Strecke erledigen muss, um mich in den Sattel zu quälen. Oder laufe eine längere Strecke, einfach, weil ich Lust habe. Undenkbar war das früher, zumindest über große Zeitphasen meines Lebens hinweg. Jede Bewegung oder ausgedehntere körperliche Aktivität war damals eine Herausforderung für mich und ich verhinderte sie, soweit möglich. Natürlich war mir bewusst, dass mit Sport ein besseres Körpergefühl verbunden sein könnte, aber auf dem Weg dorthin musste ich mich ja erst einmal bewegen und dieser Preis war mir häufig schlicht zu hoch. Sicher, es gab Phasen, in denen ich an Gewicht verlor und mehr Sport machte. Aber Freude empfand ich dabei nie. Und der Gewichtsverlust war auch nicht von Dauer.

Seit der Hormontherapie und noch einmal deutlicher seit meiner Mastektomie hat sich das komplett umgekehrt. Es dauerte ein paar Monate von der Umstellung im Kopf her, sodass ich erst einmal das Gefühl hatte, es würde sich nichts verändern – eine Tatsache, die ich auch ausgiebig in meiner Therapie beweinte („Jetzt nehm ich Hormone und hab immer noch keine Motivation, abzunehmen, was ist das denn für ein Mist“). In der Zwischenzeit machte ich weiter Sport, weil ich hoffte, vor der OP noch etwas Gewicht zu verlieren. Eine Hoffnung, die sich nicht bestätigte. Dann, noch ein paar Monate später, merkte ich, wie unausgeglichen ich an Tagen war, an denen ich keinen Sport gemacht hatte. Also versuchte ich, ihn möglichst immer in meinen Tagesablauf zu integrieren. Das Spannende daran ist: An meinem Gewicht änderte das erst einmal so gar nichts. Im Gegenteil, ich wurde etwas schwerer (Muskeln schwerer als Fett, vermute ich mal). Aber ich fühlte mich trotzdem toll. Erst jetzt, fast 3 Jahre, nachdem ich mit regelmäßigem Training begonnen habe, 2 Jahre und drei Monate nach Testobeginn und knappe 10 Monate nach meiner Mastek sehe ich erstmals deutliche körperliche Veränderungen. Und auch wenn mich das freut, ist es längst Nebensache.

Ich fühle mich stark, stabil, energiegeladen. Ich sehe neben dem Übergewicht auch jede Menge Muskeln. Wenn ich im Wasser kraule, merke ich, wie sich mein Körper auseinanderzieht und wieder zusammenschiebt. Nach ein paar Bahnen wird mein Kopf angenehm leer. Ein Gefühl, das ich früher immer nur beschrieben bekam, aber nie erleben durfte, treibt mich nun an, öfter als einmal pro Woche ins Schwimmbad zu gehen. Und das möglichst in ein Bad mit 50-m-Bahn. Ja, das ist selbstverliebt. Aber so richtig über beide Ohren. Und es ist einfach nur toll. So sehr, dass mir eben manchmal fast der Atem wegbleibt.

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(Note: I wrote this text in August but have only now come around to translating it. Voilà, I’m being late for myself.) A couple of days ago I was sitting in the passenger seat of P.’s car. We were heading back home after a nice swim at the open air public pool. Suddenly I had to sigh deeply and P. asked what was wrong.

„Nothing. Everything’s fine“, I said, not sure how to put it.
P. took every muscle she had to do some eyebrow karate.
„This doesn’t sound like nothing to me.“

Silence. Then I said: „I think I have fallen in love.“ And before P. was shocked enough to take her eyes off the road to look at me in a clearly alarmed way, because this sentence wasn’t said to produce this kind of sentence (well, not entirely), I added: „… with myself.“

Visibly relieved, P. took a turn to the left, taking us on the road that would lead us home.
But the sighing was real and it came from the depths of my soul, right from my core. Right there, on that long, irritatingly straight road back from the pool on Maaraue, a weird kind of peninsula in the Rhine, this feeling overcame me with all its might. I had just swum 1000 meters and was feeling great, every fiber, every bit of my body humming contentedly, telling me that I had just exercised. And so I sat in my seat with my 117 kg and was in love with my body. And right there, I finally also saw that this had been like that for quite some time. I just hadn’t been able to put it into words.

For the first time in my life – despite being overweight, having high blood pressure, and yadayada – I feel at home in my body and I like moving it. Sometimes I even ride my bike without having a reason for it other than wanting to move (gasp). Or I prefer to walk a longer distance just because I feel like walking. That was unthinkable for the most part of my previous life. Every movement and every kind of prolonged physical activity was a challenge for me and I would avoid it at all cost. Of course I knew that with physical activity my body image and body awareness might improve, but on the way there I would have to move and that toll just simply ran too high for me. Sure, there were times when I lost some weight and did more sports. But I never felt happy doing it. And the weightloss never lasted.

Since starting HRT and even more so since my top surgery that has changed completely. It took my head a couple of months to follow, which is why at first I felt like nothing had changed (which I profusely complained about in therapy: „I am on T dammit, where is my motivation to take care of my body, fuckbloodyfuck). But I kept at it and continued to exercise, hoping to lose some weight before surgery. A hope that was not fulfilled. Then, a couple of months into rehab from surgery I noticed how irritated and downright unbalanced I would feel when I didn’t exercise for one day. So I tried to arrange for it to be present in my schedule every day. The funny thing is: That didn’t change anything about my weight at first. Quite the opposite, I gained some weight (muscle tissue being heavier than fat, I guess). But I felt wonderful all the same. Now, almost three years into regular exercise, two years and three months into HRT and almost 10 months after top surgery I can see distinct physical changes in my body. And even though that makes me happy, it has long become secondary.

I feel strong, stable, full of energy. Next to my fat, there is a significant amount of muscle. When I swim, I can feel my body stretching and contracting. And after a few laps, my head lets go of its thoughts, becoming relaxingly empty. A feeling that I used to know through others only, now cheers me on to hit the pool more than once a week. And best are those with 50 meter laps. Yes, I am in love with myself. Head over heals. And that feels fucking awesome. So awesome, that I sometimes need to catch my breath.

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