Das ist aber ein mutiger Schritt // I think it’s courageous what you do

„Das ist aber mutig, was Sie da tun.“
„Sie sind sehr mutig, davor habe ich Respekt.“
„Also ich könnte das nicht. Was Sie da tun, meine ich.“
„Ein wahnsinnig mutiger Schritt. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“

Diese oder ähnliche Sätze sind an der Tagesordnung, wenn ich mich bei jemandem oute oder die Gesprächseröffnung, wenn Menschen, die von meiner Transidentität wissen, sich nach einiger Zeit trauen, nachzufragen oder meine Transition zu kommentieren. Die Hemmschwelle (bei manchen erwachsenen Zeitgenossen, die mit Fragen aufwarten, die buchstäblich unter der Gürtellinie sind, ist diese nicht existent) ist, wenn vorhanden, meist recht hoch.

Ich denke, diese Äußerungen sind der Ratlosigkeit geschuldet, die viele Menschen empfinden, wenn sie von meinem … Lebensentwurf erfahren. Was kann man gefahrlos in einer solchen Situation sagen, ohne zu intim oder zu oberflächlich zu wirken? Mut ist etwas, was vielen hier als geeignet scheint, Respekt auszudrücken und sich gleichzeitig zu distanzieren („Ich könnte das nicht.“). Und wer wird sich schon wehren, wenn man ihn mutig bezeichnet?

Anfangs, als ich noch nicht allzu häufig über trans gesprochen hatte, ließ ich diesen Satz häufig stehen und nickte oder überging ihn einfach. Bis ich irgendwann merkte, dass er mir gewaltig quersaß. Und inzwischen widerspreche ich grundsätzlich, vorausgesetzt, es gibt Zeit, weiter auszuholen (Es ist also nicht der Paketbote, der gleich wieder lossprinten muss). Und das geht meist so: „Mit Mut hat das nichts zu tun. Ich konnte mir einfach nicht mehr vorstellen, so weiterzuleben. Existieren ja. Wirklich leben, nein. Das braucht keinen Mut. Es war eine notwendige Entscheidung. Für mich hat sie Leid beendet. Ich habe unendlich viel dabei gewonnen, auch vielleicht auch ein paar Sachen auf dem Weg geblieben sind.“

Stimmt, manchmal stehe ich vor den Dingen, die in den letzten Jahren so passiert sind, und schüttele einfach nur ungläubig den Kopf. Hormone, Namensänderung, Personenstandsänderung, Kontaktabbruch durch meine Mutter, OP, Tod meiner Mutter. Da kann einem (oder mir zumindest) schon mal die Puste knapp werden. Und klar, aufgeregt bist du, wenn du dich outest, weil du nicht weißt, wie eine Person reagiert. Wenn unvorhergesehene Dinge in deinem Leben passieren, nimmst du dir ein Herz und machst das Beste draus. Dafür muss ich meinen Mut kurz zusammennehmen und nach vorne stürzen. Die generelle Motivation, der Prozess, sie alle haben danach aber nur noch wenig bis gar nichts mehr mit Mut zu tun. Sie sind Leben. Und mein Versuch, es für mich so lebenswert wie möglich zu machen.

Es gibt Menschen, die sind mutig in ihrem Outing, ob sie nun schwul, lesbisch, bi, inter, trans oder sonst anders sind. Sie sind mutig, weil sie sich nicht – wie ich – aus der Position eines privilegierten, weißen, mittelschichtigen Menschen in einer noch stabilen Gesellschaft outen, in der gewisse Schutzmechanismen greifen. Sie tun es wohl wissend, dass diese Wahrheit, die ihre ist, ihr Leben in Gefahr bringen kann und vermutlich auch wird. Sie haben durch die Äußerung ihres innersten Empfindens keinen Gewinn zu erwarten. Im Gegenteil. Sie setzen sich struktureller und tatsächlicher Gewalt damit aus. Ja, auch sie tun dies, um sich selbst nicht weiter zu belügen. Sie gewinnen Freiheit, zumindest in sich selbst. Aber dass sie darüber hinaus ab diesem Punkt ein leidfrei(er)es Leben führen, steht nicht zu erwarten. Ich weiß nicht, ob ich in einer solchen Situation getan hätte, was ich getan habe. Ein Grund mehr, in meinem Fall ganz sicher nicht von Mut zu sprechen.

Neulich sah ich in der Huffington Post ein Blogpost zu diesem Thema, nachdem ich schon mit diesem Post begonnen hatte. Er leuchtet das mit dem „nicht mutig“ noch ein wenig detaillierter und in einer anderen Richtung aus, als ich es gerade kann – wenn auch an manchen Stellen eventuell ein klein bisschen pathetisch, um den Punkt zu verdeutlichen. Und da ich es jetzt gelesen habe, wäre alles andere, was ich jetzt noch sagen kann, gefährdet, geliehen zu sein. Also bin ich jetzt still. Bei Interesse findet ihr hier den Link (Englisch). Habt einen wunderbaren Tag. Und mutig oder nicht, lebt und liebt euer Leben!

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„I think it’s courageous, what you do.“
„That’s very courageous, I respect that.“
„I couldn’t do that. What you do, I mean.“
„What a courageous step. I wish you luck.“

These sentences or ones very similar to these are something I hear very often after I have come out as trans to someone or how people I know open up a conversation when they finally are ready to ask about or comment on my transition. Inhibitions are running wild it seems, as long as those are not people who are completely free of inhibitions and ready to ask anything (and I mean anything) about genitals.

I think, what they are really doing is actually articulating their helplessness they feel when hearing about my … lifestyle. What else can you say without coming across too intimate or too superficial? I think „courage“ for most feels like a safe bet to utter respect and at the same time distance themselves („I couldn’t do that.“). After all, who will beg to differ when referred to as being courageous?

In the beginning, when I hadn’t spoken about being trans too often, yet, I sometimes just moved on with the conversation, acknowledging simply that I had heard. Until I felt that something about it was really bothering me. In the meantime I have started to contradict strongly, given there is the time to, well, take the time (and it isn’t the UPS-guy who needs to keep running as soon as he’s got my signature). And it goes, in reference to the great Madonna, something like this: „Don’t go for second best, baby“ … No, just kidding. But that is something I have to try sometime. No. I say: „There is nothing courageous about what I did. I just couldn’t imagine going on like this. Exist, yes. But I felt that I wouldn’t be really living, unless I made that choice. And that takes no courage. It was a necessary decision. For me, it ended suffering. And I gained so much by doing that, even though I might also have lost some things along the way.“

Yes, sometimes I shake my head in disbelief about the things that have gone down over the past couple of years. Hormone replacement, name change, gender marker change, my mother discontinuing to talk to me, top surgery, my mother dying. Those are things that are qualified to take your breath away at least for a bit. And OF COURSE you are tense when coming out with something and you don’t know how the person in front of you is going to react. But when things happen that make change necessary, you pick up your heart and go ahead with it. What comes after that has little or nothing to do with courage. It’s just my life. And my attempt to make it as enjoyable and liveable for myself, as I possibly can.

There are people who are courageous when coming out, no matter whether they are gay, lesbian, bi, inter, trans or otherwise „deviant“. I consider them courageous, because their coming out does not take place in a relatively stable society that provides them with a certain safety net, like in my case. They are neither white, nor middle-class, nor privileged in any other way. They come out despite knowing for a fact that their truth will more certain than not put their lives at stake. They draw no gain from uttering their innermost truths. Instead, structural and physical violence are more than likely to occur. Yes, even those people come out because they are sick of lying to themselves. They gain freedom, even if only for and within themselves. Their lives will most certainly take a turn for the worse, though. Ending suffering in their case gains them another form of it. I don’t know whether I’d have done the things I have done, had I walked in their shoes. All the more reason to disagree, when someone calls me courageous, again.

Two days ago, after I had already started this post, I found an essay on the exact same topic on the Huffington Post page. It manages to shed light on the whole „not courageous“ thing from yet a different angle, albeit with little grains of pathos. And after reading it, the danger of borrowing thoughts off of it unconsciously is too big. So I’ll shut up for now. If you are interested, you can find the essay  here (in English). Have a beautiful day out there. Courageous or not, live and love your life!

 

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