Der Koffer meiner Mutter // My mother’s suitcase.

In unserem Flur steht steht seit etwas über einer Woche ein neuer, schwarzer Koffer. Schweigt vor sich hin, dort neben dem Telefontischchen. Sein Inhalt ist nur meiner Schwägerin bekannt, die ihn gepackt hat, nachdem meine Mutter starb. „Ich hätte gern die Familienfotos aus Muttis Zimmer“, hatte ich nach erstem Verneinen gesagt, als sie fragte, ob wir oder ich noch etwas wollten beim Ausräumen. Dafür ist er erstaunlich schwer. Schwer und schweigend steht er dort, wie ein Monolith ungelebter Gefühle und ungetätigter Reisen, und wartet darauf, dass ich ihn öffne.

Meine Mutter starb vor 3 Wochen. Für diese Reise, mit der sie sich unendlich schwer tat, brauchte sie kein Gepäck. Obwohl sie einiges auf den Weg mitnahm, was ihr sicherlich Steine in den Weg legte, als am 18. Juni ihre Atemzüge immer flacher und gurgelnder wurden. An diesem Tag waren alle drei Kinder noch einmal bei ihr. Und so saßen wir da, jeder mit seinem eigenen Bild von unserer Mutter, nachdem sie gestorben war. P. am Fußende, wir anderen an den Seiten verteilt. Für alle hatte sie noch einmal die Augen geöffnet, bevor sie starb. Und ich kann mir nicht helfen, in ihren Blicken für mich hatte ich auch immer wieder Wut entdeckt.

Es ist schwer, sich von seiner Mutter zu verabschieden, egal, wie kompliziert die gemeinsame Geschichte war. Egal, wie oft man sich wehgetan hat, wie fehlbar sie in jeder Hinsicht war, wie unreif und sehr verletzend auch. Dass sie nun tot ist, hinterlässt ein eigenartiges Vakuum. Eine Schaukel aus Erleichterung und Schwere. Von Steinen auf der Brust und Freiheit im Herzen. Und seit sie tot ist, ist Atmen für mich Arbeit. Es ist, als würde meine Luft mit ihrer still stehen. Als hielte ich den Atem an, um zu horchen, zu schweigen. Das geht nur weg, wenn ich Sport mache.

Geweint habe ich nur ein einziges Mal, am Morgen nach dem 18. Juni. In dem Moment, als ich zum ersten Mal die Augen aufmachte an diesem Tag, schluchzte ich ein paar Minuten unkontrolliert in P.s Armen. Auch die Beerdigung, bei der ich zum ersten Mal Verwandte meiner Mutter wiedertraf seit der Beerdigung meiner Großtante, blieb merkwürdig tränenlos. Dafür weinten andere und ich bekam den Kloß in meinem Hals.

Abschied nehmen von meiner Mutter heißt auch Abschied nehmen von dem Schmerz, den ich immer noch empfinde über die Art, wie wir in den letzten Jahren miteinander in Verbindung standen. Es war nicht leicht zu hören, dass sie meinem Trans-Outing die Schuld für ihren Schlaganfall gab. Es war schwer zu ertragen, was sie mir schrieb, um von mir Abschied zu nehmen, nämlich, dass sie diesen Weg nicht mitgehen werde, und dann auch schwer, direkt nach meiner Mastektomie quasi vom Status „Wir sagen höflich hallo, wenn wir uns sehen“ zu „Du brauchst nun Versorgung und Pflege“ zu wechseln – denn während ich in Hamburg im Krankenhaus lag, stürzte meine Mutter nachts schwer und musste selbst ins Krankenhaus, von wo sie auch direkt in die Pflege ging: Ihre absolute Weigerung, sich um Dinge wie Gebrechlichtkeit und Versorgung im Miethaus rechtzeitig zu kümmern, ließ uns keine andere Wahl.

Meine Mutter war für viele Menschen eine Art Heilige, die sich ständig für Freunde, Nachbarn und die Kinder in ihrer Obhut aufopferte. Sie fotografierte Feste, unterrichtete Kinder in Block- und Querflöte, gärtnerte leidenschaftlich gern und teilte mit P. die Leidenschaft, Kataloge zu blättern. Sie lebte dafür, gebraucht zu werden. Für uns Kinder war sie ein Elternteil, der sich gegen andere unerbittert für uns einsetzte. Ging es aber untereinander zur Sache, konnte sie hart wie Stahl sein, und das über lange Zeit hinweg und auch, wenn sie erwiesenermaßen falsch damit lag. So nahm ich in meinem Leben öfters Abschied von meiner Mutter, die immer dann den Kontakt zu mir teilweise über Jahre hinweg abbrach, wenn sie der Meinung war, dass ich die falsche Freundin hatte oder den falschen Lebensweg wählte oder zuletzt das falsche Geschlecht. Schade ich ihrem Ansehen damit? Nein. Ganz sicher nicht. Aber ich rücke es ins Gleichgewicht. Das ist mir wichtig. Denn sie war all das parallel.

Als ich gestern Abend mit P. nach einem epischen Streit über die Nutzung von Navigationssystemen bei einem miserablen asiatischen Take-Out saß und versonnen meinen Reis knusperte, kam mir ein Satz einer Freundin wieder in den Sinn, den sie in einer Karte formuliert hatte, nachdem sie vom Tod meiner Mutter gehört hatte. Sie schrieb: „Manchmal fehlt einem ja auch die Reibung, die man an/mit jemandem gehabt hat mindestens genauso wie die Nähe zu einem Menschen.“ P. nickte daraufhin. „Vielleicht macht der Widerstand, den du durch deine Mama erfahren hast, ja ein Stück weit auch zu dem, der du bist?“ Ich vermute, sie beide haben ziemlich recht damit und vielleicht erklärt das auch dieses anfangs erwähnte Vakuum.

Meine Mutter war eine pflichtbewusste Frau. Sie arbeitete bis zum Umfallen. Und wie so vielen pflichtbewussten Menschen fehlte ihr dabei die Fähigkeit, sich selbst glücklich zu machen. Zeit für ihre eigenen Ideen zu haben. Dinge zu tun, die sie schon immer wollte, bevor es zu spät war. Ich verspreche dir Mama, ich werde es anders machen.

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There is a new, black suitcase in our hallway. It sits there, quiet, next to the table that houses our landline phone. Only my sister in law knows what’s in it. She packed it for me after my mother died. „I would like the family photos from mom’s room“, I told her after initally shaking my head when she asked me whether I wanted something from mom’s room at the nursery home. For a couple of photos it is remarkably heavy. Heavy and silent, like a monolith of unlived feelings and journeys not taken, it sits there, waiting for me to open it.

My mother died three weeks ago. For this journey that proved to be the hardest in her life, she needed no luggage, even though she undoubtedly took things with her that laid stones in her way when her breaths become more shallow and gurgling on June 18th. On this day, all her three children came to be with her once more. And so we sat there, every one of us with different pictures of my mother in our head after she had died. She had opened her eyes once more for every one of us, before she left. And I cannot help it, but her glances for me seemed to bear anger, as well.

It is hard to say goodbye to my mother, regardless of how complicated my history with her might have been. Regardless of the many hurting moments, of her being more than fallible, immature even. Now that she is dead, a strange kind of vacuum remains. A wild mood swing between relief and leaden heaviness. Between millstone on my chest and freedom in my heart. And since she died, breathing became work for me. It is like my breath stands still with hers. As if I was holding it, to listen to something or just be silent. That only changes when I exercise.

I only cried once that whole time. On the morning of June 19th, when I opened my eyes for the first time to a world without my mother. On that day, I sobbed uncontrollably for a couple of minutes in P.’s arms. Even the burial at which I saw a couple of relatives again for the first time since the burial of my grand aunt, stayed strangely dry. Others took care of shedding tears. And I got that persistent lump in my throat.

Letting go of my mother also means saying goodbye to the pain that I still feel about the way we interacted with each other in the past years. It wasn’t easy hearing her say that she blamed my coming out as trans for her stroke. It was hard to read the lines she dropped via e-mail to tell me goodbye, that she could and would not be with me on that journey. And it was mind-boggling to directly after my top surgery go from „We will politely say hello when we meet on family occasions“ to „You need care and support now and I will be there, despite all of that shit“ because my mother had fallen in her house while I was in Hamburg at the hospital and had to go to a hospital herself, followed by moving to a care facility: Her absolute refusal to face and arrange for matters like frailty and being taken care of in a rented house when she was still able left us all no other choice.

For many people my mother was a kind of saint who was always there for friends, neighbors and the children left in her care. She photographed events, taught children recorder and traverse flute, took care of her garden and shared P.’s passion for browsing through mail order catalogs. She lived for being needed. For us children she was a parent who defended us to the outside world like a lioness. In family matters, though, she could be hard as steel, sometimes for long stretches of time breaking contact even though she later admitted to having been wrong. Which is why I had to get used to getting along without my mother several before she died – because she would refuse contact everytime she was under the impression that I chose the wrong lifestyle, the wrong partner or, in the end, the wrong gender. Sometimes these breaks would last more than a year. Will I damage her reputation by saying that? Absolutely not. I rather hope to reinstate balance. That is important for me. Because she was all of that at the same time.

When I was munching away at my fried rice last night after an epic fight with P. about the use of navigation systems and communication, a sentence that a friend had written in a condolence card came back to my mind. She said: „Maybe sometimes it is the friction with the person who died that we miss rather than being close to her.“ P. nodded. „Maybe the opposition you met in your mother kind of also made you the person that you are today?“ I guess, there is a lot of right in that. Maybe it even explains the vacuum I mentioned earlier.

My mother was the epitome of a dutiful woman. She worked until her eyes closed in the evenings. And like so many other dutiful people she lacked the ability to make herself happy. To have time for her own ideas. To do the things she always wanted, before it was too late. I promise you, mom: I will do that differently.

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2 Gedanken zu “Der Koffer meiner Mutter // My mother’s suitcase.

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