Das eine Haar am Kinn // That single hair on my chin

Ich bekomme nun seit ziemlich genau zwei Jahren und einem Monat Testosteron. Eine der größten Stänkereien, die ich mit der Wirkung dieses Wundermittels in meinem persönlichen Fall anzetteln muss, ist der nach wie vor seeeehr spärliche Bartwuchs in Relation zur Behandlungsdauer. So sagte meine Endokrinologin neulich auch folgerichtig: „Der Bartwuchs ist doch ok, Sie sind doch erst ein Jahr dabei.“ Stumm hielt ich ihr zwei Finger vor die Nase. „Zwei, Frau Dr. M. Zwei Jahre.“ Sie versuchte nicht einmal, sich aus dieser Bredouille zu befreien und erzählte mir stattdessen von einem anderen Transmann, der das fehlende Gesichtshaar mit Humor nehme.

Der fehlt mir leider immer noch, auch wenn ich langsam etwas gelassener werde. Mein Bart hält sich nach wie vor vornehmlich um die Mund- und Kinnpartie herum auf und macht keinerlei Anstalten, sich nachhaltig in Richtung Wange fortzubewegen. Ich habe tatsächlich schon den Gebrauch von Regaine im Gesicht in Erwägung gezogen, um die durchaus vorhandenen Follikel vielleicht etwas anzuspornen, scheue aber wegen der ganzen Chemikalien noch vor diesem Thema zurück.

Vor ein paar Tagen dann, ich hatte gerade einmal wieder die frischen Fotos von Kinn, Wangen und Mund betrachtet, fiel mir ein Erlebnis wieder ein, das ich fast vergessen hatte:

Vor 16 oder 17 Jahren, ich erinnere mich noch recht gut an den Sommer, aber nicht mehr genau an das Jahr, entdeckte ich an meinem Kinn das erste, borstige, einzelne Barthaar meines Lebens ohne externes Zutun und war begeistert. Zu dieser Zeit war ich gerade in meiner ersten ernsthaften Transphase – wenn auch immer noch Meilen entfernt von Hormonen und dem ganzen Gedöns der letzten Jahre. Und das Barthaar, das war wie ein Zeichen in die richtige Richtung für mich.

Vorsichtig begutachtete ich das Haar, ließ es wachsen und gedeihen bis es eine Länge erreicht hatte, die auch gut im Spiegel sichtbar war. Und spürbar war dieses erste Barthaar auch. Eines Tages setzte ich mich auf mein Fahrrad, um in der Stadt ein Video aus der Videothek zu holen (unglaublich, die gibt es heute kaum noch) und als ich in die Pedale trat und mich der Universität näherte, spürte ich es ganz deutlich: Mein Barthaar tanzte im Wind. Bog sich nach hinten. Zog sich wieder nach vorne, als ich bremste.

Ich kann fast nicht beschreiben, wie unglaublich wunderbar dieses Gefühl war. Und das war nur ein einzelnes, kleines Barthaar!! Dieses Glücksgefühl müsste sich heute eigentlich verhundertfacht haben. Denn so wenige Haare sind es bei weitem nicht mehr, die sich in meinem Gesicht tummeln. Ich glaube, es ist an der Zeit, mich häufiger daran zu erinnern, was einmal war. Und Dankbarkeit zu lernen für das, was inzwischen ist.

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I started T pretty much two years and a month ago. One of the biggest pieces of vegan beef I have with the way this golden wonderjuice works in my case, is the still apparent lack of visible beard in relation to the time that has passed since I started HRT. And so it wasn’t much of a surprise when my endocrinologist told me a couple of weeks ago: „For one year on T your beard is pretty good. I don’t know why you are so dissatisfied!“ Silently, I raised two fingers in her direction. „Two, Dr. M. It has been two years.“ She didn’t even try to wiggle herself out of that tight spot. Instead she told me about another trans guy who took his total lack of facial hair with lots of humor.

Humor is something I completely lack in that matter. My beard prefers to continue squatting around my mouth and chin and shows no ambition at all to proceed in the direction of my cheeks. I even considered trying Rogaine in my face to jumpstart the existent but hesitant follicles a tad – but due to the chemicals involved I still shy away from that attempt to solve my dilemma.

Then, a couple of days ago, after I had just checked the latest set of pictures of my chin, cheeks and mouth, I remembered an event I had almost forgotten:

16 or 17 years ago – I still remember that summer but not the exact year, I found the first hard, single hair of my life on my chin that had grown without me asking it to. I was amazed. This was the time of my first serious trans phase of my life – even though I still was miles away from taking hormones and all that stuff of the past couple of years. And that single hair was like a beacon in the right direction for me.

Carefully I inspected the hair, let it grow until it had reached a length that I could easily see in the mirror. And I could feel that hair, too! One day I jumped on my bike to get a video from the video store (unbelievable how they have disappeared in the meantime) and when I pushed the pedals and had almost reached the university, I felt it, clear as day: My hair was dancing in the wind. Bowed back when I increased speed and came back forward when I braked.

I lack the words to describe how incredibly wonderful that feeling was. And that was just one, measly hair on my chin! This happiness should have multiplied by the hundreds now, because I am long past that single hair on my chin.

I think it is time to remember more frequently, where I have been. And learning thankfulness for what has grown in the meantime.

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