Lesbisch. Na und?

In verschiedenen Texten habe ich über das letzte Jahr hinweg immer einmal wieder davon geschrieben, dass ich nach meiner körperlichen Transition als lesbisch lebender Mensch nicht mehr zu erkennen bin, verschwinde, meine Geschichte unsichtbar wird. Was für mich ein Trauerprozess ist, haben einige sicherlich mit einem Kopfschütteln begleitet frei nach dem Motto „Hatter doch so gewollt, jetzt isser halt raus aus dem Verein. Patriarchaler Verräter.“ Gleichzeitig lese und höre ich immer häufiger, wie Lesben und Transmenschen sich in postakademischen Diskussionen über Genitalien und Identitäten angreifen und sich gegenseitig zu Todfeinden erklären. Diese beiden Dinge passen thematisch irgendwie ganz gut zusammen, finde ich.

Und um gleich loszulegen: Nein. Ich erwarte von keiner Lesbe und auch von niemand anderem, dass sie oder er mit einem Transmann oder einer Transfrau zusammen ist. Und auch nicht, dass sie oder er „es halt mal probiert“. Denn auch, wenn die Ablehnung von Körperlichkeiten im Einzelfall eventuell auch mal ein Geschlechterkonzept in sich trägt, das seinen Sitz quasi ausschließlich zwischen den Beinen hat, ist und bleibt körperliche Attraktion unglaublich persönlich und lässt sich nie zwingen (und wenn doch, ist es strafbar und/oder geht unweigerlich in die Hose). Dieser Tatsache ist es sicherlich auch geschuldet, dass manchmal Liebe oder Zuneigung eben nicht reicht, um körperlich zu werden. Was soll der Scheiß? Ist das eine Diskussion überhaupt wert? Die verschwendete Lebensenergie? Die Zerstörung unserer Minoritätenstrukturen, die reaktionäre Ewiggestrige nicht mehr von außen angehen „müssen“, weil wir das schon selbst erledigen, wenn man uns genug Zeit lässt? Ich bitte euch! Gegenseitiges Verständnis und Kenntnis von gewachsenen Strukturen ist es, was es hier braucht. Oder wie eine Freundin immer wieder sagt: „Know your history!“. Ganz richtig. Statt immer weiter zu verlernen, einander zuzuhören und zu vergessen, wie nah wir uns im Bereich von Diskriminierungen durch die Mehrheiten einer Gesellschaft stehen, braucht es Empfangsbereitschaft. Braucht es das „Sehenwollen“. Wir müssen nicht alle auf einem Haufen stehen, um gemeinsam gackern zu können.

Als ich mich für meine Transition entschied, war mir klar, dass Beziehungen schwer werden könnten. Denn nur wenige Menschen sind in ihrer gelebten Attraktion und Sexualität so „anpassungsfähig“ wie P. zum Beispiel. Mit ein Grund, aus dem ich sehr sehr froh bin, sie gefunden und über solch substanzielle Zeit hinweg bei mir behalten zu haben. Sollte das aus irgendeinem unglückseligen Grund irgendwann einmal nicht mehr so sein, weiß ich, dass mein Beziehungs- oder Sexleben sicherlich schwieriger werden würde.

Denn ich bin kein Heteromensch. Ich habe Zeit meines Erwachsenenlebens lesbisch, homosexuell gelebt und diese Lebensweise war kein Lifestyle, den ich abgestreift habe, sobald ein passenderer des Weges kam. Er war und ist, was ich bin. Mich aufgrund meiner Transition einfach in der Tabelle des Lebens in die Heterospalte zu übertragen, macht mein gesamtes Leben, meine Arbeit, meine Kämpfe, meine Identität unsichtbar und ist obendrein falsch. Denn das eine ist meine Geschlechtsidentität und das andere meine Sexualität. Ich bin nicht zum Feind übergelaufen. Ich habe mich gesucht und gefunden. Habe trotz Angst die Augen geöffnet und mich in meine zweite Lebenshälfte bewegt. Und genauso, wie ich keine Sekunde meiner Vergangenheit bereue, bereue ich keinen einzigen Schritt dieses jetzigen Weges. Lediglich vielleicht, ihn nicht schon früher und mit mehr Deutlichkeit gegangen zu sein und mir viel Leid erspart zu haben. Es tut mir schrecklich leid, wenn das manchen Menschen in die lesbische Parade hagelt. Ich bin weiter ich. Das merke ich zwei Jahre nach Beginn meiner Hormontherapie immer deutlicher. Und ich habe keinen Bock, das abgesprochen zu bekommen.

Leben, das sind Brüche, sind Schleifen, sind Neuerfindungen und vielleicht auch Unstimmigkeiten, die aus anderem Blickwinkel betrachtet gar nicht mehr so unstimmig sind. Ich bin Transmann. Ich bin Lesbe. Ich bin homo. Ich bin als Frau sozialisiert. Bin Feminist mit Menstruationserfahrung. Ich habe meinen Körper erst spät neu erfunden und dadurch lieben gelernt. Ich tanze auf beiden Seiten des Zauns. Und ich öffne Türen (das klingt viel weniger größenwahnsinnig, wenn man einen Moment drüber nachdenkt).  Türen, die manche gar nicht sehen wollen, geschweige denn, durchgehen. Denn sie sind Türen zu mehr Verständnis. Und gegenseitiges Verstehen, das liegt heute nicht immer so wahnsinnig hoch im Kurs. Sollte es aber.

 

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