Nimms wie ein Mann // Take it like a man

Die Zeit des Theaters ist vorbei. Meine Mutter liegt im Sterben. Es ist das erste Mal, dass ich einen Sterbeprozess unter der Einwirkung von Testosteron erlebe und begleite. Und es ist in der Tat anders, als vorher. Das kann selbstverständlich mit daran liegen, dass die gemeinsame Geschichte meiner Mutter mit mir eine spezielle und nicht unbedingt einfache ist, glaube ich aber eigentlich eher nicht. Sterben ist immer Ausnahmezustand, wenn die Person oder das Wesen dir nahe sind. Egal, wie schwierig es sonst gewesen sein mag.

Durch das Testosteron bin ich im Umgang mit dem Tod schon ein bisschen anders geworden. Bin ich vor Ort, sehe ich wie im Tunnelblick das vor mir, was zu erledigen ist. Sprich, die Versorgung und Linderung von Beschwerden haben absolute Priorität. Erst, wenn ich aus der Situation herausgehe, merke ich, wie sehr ich vorher im Tunnel war. Das war vor Testo ähnlich, wenn nicht genauso. Was anders geworden ist, ist dass ich nachher nur sehr schwer darüber reden kann und ich sehr empfindlich auf Nachfragen reagiere, die meine Gefühle bezüglich der Situation betreffen. Ich habe keine Lust, dazu etwas zu sagen. Wenn P. nachbohrt, kann es gut sein, dass ich barsch reagiere, bis sie es eventuell geschafft hat, zu mir durchzudringen. Das war früher nicht so.

Dass mich das Ganze unheimlich mitnimmt, sehe ich an meinem Gesicht und an meinem Blutdruck. Ich befinde mich in einem Zustand der Daueranspannung, den ich nur durch körperliche Aktivität etwas erleichtern kann. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich in einem Krankenhaus in den 5. Stock lieber die Treppe nehme. Aber selbst mit Ertüchtigung ertappe ich mich dabei, dass ich zwischendurch ungewöhnlich tief schnaufen muss. Weil der ganze Körper verspannt ist und ich nicht weiß, wohin damit.

Ich erinnere mich, dass das früher anders war. Ich weiß, dass ich schneller Zugang zu Tränen hatte, als jetzt. Und dass ich besser darüber reden konnte. Als ich dann gestern beim Mittagessen in das Gesicht meines jüngsten Bruders schaute, erkannte ich mich doch sehr wieder und es dauerte ewig, bis wir zumindest etwas reden konnten.

Vorausgesetzt, es handelt sich bei mir nicht um eine sozialisierte bzw. imitierende Verhaltensweise in Sachen Männlichkeit und auch nicht um eine hoch individuelle Ausprägung, verstehe ich es inzwischen sogar eher, dass Menschen (abgesehen von alkoholismusähnlichen Verhaltensmustern, die ich bei mir Göttin sei Dank absolut ausschließen kann) in Selbstmedikation ein Bier oder ein Glas Wein trinken hinterhertrinken. Zumindest mir hilft es, für den Folgetag nach besonders anstrengenden Tagen eine Spannungsmigräne zu vermeiden. Und ich kann leichter über meine Gefühle sprechen – für ein Weilchen zumindest. Die Kehrseite hiervon ist, dass ich Alkohol mit fortschreitendem Alter immer schlechter vertrage und am Tag danach fast nicht aus dem Bett komme, statt Migräne also so eine Art Kater. Teufel und Beelzebub.

In diesem Sinne: Auf in den nächsten Tag. Licht und Liebe!

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Playing games is a thing of the past. My mother is dying. It is my first time supporting a dying process since I started T. And I experience the process and connected feelings differently. Yes, it is possible that this fact is influenced by the, well, rather complicated history my mother and I share, but I do doubt it. Dying and spending time with those dying is always, in its essence, a state of emergency. No matter how hard the relationship may have been before.

Adding T to the mix has changed my dealing with death a bit. While in the presence of the person I create some kind of tunnel vision, seeing only what needs to be done, namely caring for the being in question, alleviating symptoms, where possible. Only when leaving the immediate surroundings I start feeling that tunnel receding. That is not entirely new, but there are slight differences. What has definitely changed, though, is the „after“: I can barely speak about what happened or how I feel about it and I tend to react pretty harshly to inquiries. I don’t want to talk about it. So when P. digs deeper, which is her go-to action considering emotionally charged situations, I will reject her until she – every now and then – manages to breach my defences.

I can see in my face and when checking my blood pressure that the whole situation is taking its toll. I am in a state of extreme tension that is only alleviated through physical activity, albeit only temporarily. I think it is the first time that I can remember prefering to take the stairs when going up to the fifth floor of a hospital. But even with physical activity I find myself in need to take unnaturally deep breaths every now and then, because my body can’t release the pressure and I don’t know what to do.

I remember that being different. I remember being able to access tears much more easily. I remember being able to talk about it. And when I looked my youngest brother in the face yesterday while sharing lunch, I saw myself and it took quite some time until we were able to talk, at least a bit.

Provided that I am not presenting with a socialized, viz. imitation of a masculine clichée or a very individual form of dealing with a situation like that here, I even understand people, who (apart from an alcoholic behavioral pattern which I can, thank goddess, exclude in my case) drink a glass of beer or whine in self medication in order to prevent tension migraine for the day after a particularly draining set of hours. I do exactly that. And as a result, I have a small time window to speak about my feelings to P. or anyone who will listen. The downside to that being that, the older I get, I can stomach alcohol less and less, so that on the next day, instead of having a migraine, I have trouble getting up at all. Devil and beelzebub and all that stuff.

In that sense: steamboat ahoy. Let’s do the next day. Love and light!

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2 Gedanken zu “Nimms wie ein Mann // Take it like a man

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