Spielregeln // Rules of Attraction

Ich bin mir nicht sicher, ob es proportional zur Größe der Gruppe andere Minoritäten gibt, die noch häufiger Hassverbrechen zum Opfer fällt, als Transmenschen. Neben der enthemmten Erniedrigung in sozialen Medien wird leider auch live derart viel Spott, Hass und Erniedrigung in Kommentaren zu Transpersonen formuliert, dass ich manchmal an der Menschheit verzweifeln möchte. Wie schon als homosexueller Mensch für lange Zeit meines Lebens bin ich auch hier, in meiner hoffentlich letzten Peer-Minorität immer wieder hilflos, mir zu erklären, woher diese ungewöhnlich extremen Reaktionen, die von verbalem Missbrauch bis zu Mord führen, stammen. Mal abgesehen davon, dass es natürlich Arschlöcher auf dieser Welt gibt.

Was nun folgt, soll weder in eine Rechtfertigung oder gar Entschuldigung dessen verfallen, was Transfrauen und -männern täglich angetan wird. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, Menschen anzuzünden, zu treten, totzuprügeln, ihnen ihr Leben zu entreißen, ihre Finanzen, ihre Kinder. Und es ist hoffentlich ebenfalls nicht aus einer Opferhaltung heraus gedacht.

Ich selbst habe das unglaubliche Glück, in einer Gesellschaft zu leben, die zwar weit davon entfernt ist, perfekt zu sein, mir aber (derzeit) ein weitgehend angstfreies Leben ermöglicht. Ich habe vor und während meiner Transition häufig zunächst Unverständnis, nie aber unverhohlenen Hass erlebt. Ich bin abgelehnt worden, Menschen haben sich zurückgezogen, sind teils sogar aus meinem Leben verschwunden, aber noch nie fand ich meine Sicherheit oder gar mein Leben bedroht. Trotzdem vermute ich, dass mein Erlebtes und das um ein Vielfaches Schlimmere, was andere Transmenschen erleben und erdulden müssen, seine Wurzel im selben Problem hat, nämlich in der fragilen Identität der Täter.

Ich bin nicht sicher, ob ich die Gedanken, die mir zu diesem Thema immer häufiger kommen, wirklich punktgenau formulieren kann, sollte es also konfus klingen, bitte habt Nachsicht oder fordert mich zu Diskussionen auf. Also:

Vor einiger Zeit sprach ich einmal mit einer Freundin, die mir ihre Reaktion auf mein Coming-out so beschrieb: „Also, ich bin ja grundsätzlich kein Fan von Veränderung. Als du mir das von deiner Transition erzähltest, hab ich erst mal überlegt, ob was das für mich bedeutet. Verändert das meine Gefühle zu dir? Finde ich dich am Ende attraktiv, interessant? Was verändert sich? Dann merkte ich, alles bleibt gleich und ich konnte mich entspannen.“

Diese paar Sätze brachten mich ins Grübeln. Konnten diese offen ausgesprochenen Worte, so harmlos sie erst einmal waren, tatsächlich so etwas wie einen Schlüssel dazu bieten, was in den Köpfen von Menschen passiert?

Geschlecht oder besser, unsere Vorstellung davon, ist etwas, was Menschen unglaublich verinnerlicht und daher kaum sichtbar in ihrem Alltag aus Auswahl- und Bewertungskriterium mit sich herumtragen.

Wir sehen einen Menschen und ordnen ihn binär Kategorien zu. Mann-Frau. Bedrohlich-harmlos. Attraktiv (zur Fortpflanzung geeignet)-uninteressant. Mit dieser Zuordnung sind Erwartungen verbunden. Das sind manchmal also eben auch sexuelle, ob wir sie nun wahrhaben wollen, oder nicht. Ob wir ihnen nachgehen, oder eben nicht. Ich bin überzeugt, wir sortieren die Menschen in unserem Umfeld ab einem gewissen Alter in sexuell interessant oder nicht interessant, ungeachtet unserer Bindungen und unseres sonstigen Verhaltens.

Stellen wir uns nun mal vor, ich treffe eine Person. Ich gehe mit ihr um. Manchmal vielleicht über eine längere Zeit. Ich ordne sie aufgrund ihres nach außen präsentierten Geschlechts und ihrer Attraktivität für mich in „sexuell interessant“ oder „uninteressant“ ein. Und sagen wir weiterhin, ich habe die Person als sexuell interessant in meinen Kopfordnern abgelegt. Und dann geschieht etwas, was in meinem Kopf – aufgrund mangelnder Lebenserfahrung, Unsicherheit in meiner eigenen Identität oder einfach nur aufgrund fehlender Vorstellungsgabe – nicht sein kann: es stellt sich heraus, dass diese Person transsexuell ist. Das Geschlecht, das ich der Person bisher also zusammen mit meinem sexuellen Interesse zugeordnet habe, ändert sich. Dabei ist in meinen Augen eigentlich unerheblich, ob ich bei näherem Kontakt mit der Person feststelle, dass Genitalien vorhanden sind, die ich nicht vorzufinden erwartet hatte, oder ob die Person mir mitteilt, dass ihre Geschlechtsidentität nicht dem Bild entspricht, das er oder sie nach außen präsentiert.

Wie fühlt sich so ein Mensch? Verwirrt? Enttäuscht? Wütend? Abgewiesen? Angeekelt? Rasend? All diese Gefühle befinden sich irgendwie auf derselben Achse, nur in unterschiedlichen Eskalationsstufen. Sie haben gemein, dass es der Person aufgrund unterschiedlicher Gründe nicht möglich ist, reif und mit gehörigem Abstand zur Sache zu agieren oder auf sie zu reagieren. Ihnen allen wohnt auch Enttäuschung inne. Nehmen wir nun noch an, die Person ist vielleicht in seinem sozialen Umfeld oder in seiner eigenen Identität unsicher, legt großen Wert auf das „richtige“ Erscheinungsbild nach außen. Und schon ist die Person – ein gewisses Gewaltpotenzial vorausgesetzt – eventuell bereit, seiner oder ihrer Verunsicherung durch körperliche Gewalt Ausdruck zu verleihen.

Homophobie, Transphobie. Sie sind eigentlich falsch benannt. Es handelt sich nicht um Ängste vor Homos oder Transleuten. Es handelt sich um Angst vor sich selbst. Es handelt sich um Angst vor den eigenen Gefühlen, um die Unfähigkeit, adäquat mit dem Anderen umzugehen. Angst, was die Identität anderer, mit denen die Person in Kontakt steht und die er oder sie vielleicht offen oder nur sich selbst gegenüber eingestanden attraktiv fand, über ihn oder sie aussagen könnte.

Macht diese Theorie ein solches Verhalten verständlich, vertretbar gar? Im Leben nicht. Es bleibt gleichermaßen verabscheuungswürdig und widerlich. Ich will nur verstehen lernen, welchem Muster solche Gewalt, in welcher Eskalationsstufe auch immer, folgt. Denn Verstehen ist für mich der Anfang, etwas zu verändern.

Morgen ist IDAHOT, der internationale Tag gegen Homo- und Transphobie. Anlass, sichtbar zu sein. Sich nicht zu verstecken, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Anlass für Verbündete, Farbe zu bekennen. Zu ihren Freunden, Partnern, Bekannten zu stehen. Es gibt sicher Situationen, in denen es wichtiger ist, sein Leben und seine Unversehrtheit zu schützen. Es gibt Orte, an denen Transsexualität oder Homosexualität einem Todesurteil gleichkommt. Also lasst uns morgen für all jene rausgehen und für jene sichtbar sein, deren Existenz verschwiegen und deren Leben bedroht ist.

PS: Diese Ideen sind weit davon entfernt, vollständig zu sein. Ich freue mich auf Interaktionen, weitere Gedanken.  🙂

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I don’t think there is a minority – in proportion to the size of its group – that is more prone to fall victim to hate crimes, than transfolk. Apart from uninhibited humiliations in social media, live contact often also produces an inordinate amount of hate and abrasiveness that makes me want to cry. Just as I was as a homosexual person for the most part of my life, I am now feeling as helpless (in my hopefully last peer minority) as ever before to explain what makes people act that way on a scale ranging from verbal abuse up to downright murder. Apart from them being assholes, of course. 😦

What follows now is neither a justification, nor an excuse for what trans women and trans men have to endure time and again. There is no way to justify setting people on fire, kicking them, beating them dead, stripping them of their lives, their finances, their children. Also, I hope that the following train of thought is not inadvertedly presented from the perspective of a victim.

I count myself incredibly lucky to live in a society that, yes, is far from being perfect, but also (presently) offers me a life relatively free of fear. Before and during the start of my transition I have often experienced lack of understanding, but never blatant hate. I have been rejected. People have detached themselves from me, some have even disappeared from my life. But I have never felt my safety or even my life to be in danger. Still I can’t shake the feeling that what I have experienced and the atrocities others have to endure share the same root, namely the fragile identities of the abusers.

I am not sure whether I can adequately express the thoughts that come to my mind on that topic. So in case what I write sounds unclear in parts, please excuse me or involve me in a discussion on the topic. So here it goes:

Some time ago now I spoke with a friend who shared very candidly how she felt when she was confronted with my transition: „Well, I am not a fan of change. When you told me about your transition I first thought about what that meant for me. Would that change my feelings towards you? Would I maybe even find you attractive, interesting? What would change? Then I felt that everything in me remained the same and I relaxed.“

These couple of sentences got me thinking. Could those words, as harmless as they were, offer a key to what happens in the heads of people (apart from them being assholes, see above)?

Sex, gender, and our ideas of what they are, are conceptions that people carry around with themselves so naturally as a means of everyday selection and assessment that they are virtually undetectable to us.

We see another human being and add them to one of two columns: Man – woman. Intimidating – harmless. Attractive (useful for procreation) – uninteresting. And with these additions come expectations, which are sometimes of a sexual nature, whether we want it, or not. Whether we act on them, or not. I am convinced that beginning with a certain age, we divide our surroundings in sexually interesting or not, notwithstanding our relationships, emotional bonds or other circumstances.

Let’s go there for a minute. So I meet a person. Interact with her. Sometimes maybe for a longer period of time. I have used my inner sorting hat and have added said person either to the column „sexually interesting“ or „not interesting, pending their attractiveness to me. Let’s also say, I have put the person in question in the „interesting“-column. And then something happens that is – according to my lack of experience, to my insecurities in my own identity or simply because my mind can’t go there – impossible: that person presents as transsexual, i. e. the gender I have attributed to the person together with my heightened sexual interest, changes. In my train of thought it is irrelevant, whether, upon closer physical contact, I find genitalia that I did not expect to be there or whether said person tells me that their gender identity does not match the picture that he or she is presenting to the outside world.

How does that person feel? Confused? Disappointed? Angry? Rejected? Grossed out? Livid with rage? All these states somehow end on the same axis, even though they are different in their degrees of escalation. What they share is that the person confronted with the changed column is not able to act on and react to the situation in a mature, rational manner for different reasons. And they all share the disappointment. Let’s also assume that the person feels insecure in their social surroundings, let alone their own identities, and is very set on presenting the „right“ picture to the outside world. Which, given a certain proneness to violent behavior, might be enough to make him or her act on their impulses and express their insecurities through physical abuse.

Homophobia and transphobia are terms that do not describe what these people feel. They are not afraid of homo or trans folk. They are afraid of themselves, their feelings and their inability to adequately deal with the Other. They are afraid of what the identity of the persons they are in contact with and who they may have put in the attractive column could say about them.

Does this theory make their behavior understandable to me, relatable even? Hell no. What they do remains equally despicable and revolting. I am just trying to make sense of the pattern of such violence, no matter its escalation. Because making sense is hopefully a starting point for change.

Tomorrow is IDAHOT, the international day against homo- and transphobia. Reason enough to be visible. To not hide who we are, even though it’s sometimes hard. Reason enough for allies to share our colors. To stand up with their partners, friends, acquaintances. Yes, there are times, when it is more important to protect your life and physical or emotional safety. There are places where being trans or homosexual equals death sentences. So let’s go out tomorrow for all of those whose existences are silenced and whose lives are in danger, and be visible.

PS: Those ideas are far from being complete. I am looking forward to interaction, to further thoughts.  🙂

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