Mama und ich // My mom and I

Einer der Gründe, aus denen ich im Moment deutlich weniger zum Bloggen komme, als sonst im letzten Jahr, ist meine Mutter. Seit ihrem 70. Geburtstag im Frühling 2016 – der auch die Wiederaufnahme eines nach wie vor zähen Kontaktes zwischen ihr und mir nach meinem Coming-out markierte – hat sich ihr Zustand allgemein so sehr verschlechtert, dass sie 20 Jahre älter aussieht, entsprechend hilfsbedürftig und aufgrund nicht ganz geklärter Umstände auch verbal tageweise auch nur noch sehr schwer zu verstehen ist.

Vor drei Wochen kam meine Mutter ins Krankenhaus mit etwas, was ein großer Teil der mit ihr befassten Menschen zunächst als eine Lungenentzündung definierte. Während des Aufenthalts im Klinikum stellte sich heraus, dass es sich mitnichten um eine Pneumonie, wohl aber um eine aufsteigende Harnwegsentzündung mit beginnender Sepsis handelte, die mit Antibiotika gerade mal noch so abgebogen werden konnte.

Warum ich diesen Privatkram hier erzähle? Habt ihr schon mal geschaut, was ich sonst schon alles geschrieben habe? Außerdem ist auch dies eine Transition oder ein Übergang im Leben und meist klären sich meine Gedanken beim Niederschreiben und bei der späteren Auseinandersetzung mit geäußerten Kommentaren anderer viel klarer, als ohne. Nennt es schriftliche Katharsis oder so.

Wie dem auch sei: Ihr Krankenhausaufenthalt trieb meine und unsere Besuchshäufigkeit rund um die Osterfeiertage berechtigterweise deutlich in die Höhe, was mich aufs Neue auf meinen Zwiespalt zurückwarf, den ich meiner Mutter gegenüber nach wie vor empfinde:

Ich sehe eine alte, sehr alte, hilfsbedürftige Frau. Verzweifelt, mit Schmerzen. Mit wenig bis nicht existentem Lebenswillen. In vielen Momenten aber leider eben auch einen Menschen, der seine Mittel nach wie vor intelligent und gezielt einzusetzen vermag, um zu erreichen, was er möchte. Einen Terrorbeutel, der ganz sicher auch Theater spielt, wenn es bedeutet, dass er dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommt (hier wäre zum Beispiel ihre neu erworbene Fähigkeit zu nennen, ihr rechtes Auge mit dem Auge aufziehen zu müssen, wo es in unbeobachteten Momenten wunderbar klappt. Oder sehr wohl alleine und unfallfrei essen zu können, bis ich den Raum wieder betrete – ab wo dann alles danebengeht). Und damit erkenne ich auch den Menschen wieder, der mir bis letztes Frühjahr deutlich sagte, dass sie mich nie als Sohn akzeptieren können würde, dass sie sich von mir abwenden müsse, begründet im Endeffekt mit dem Argument, dass sie meine Mutter sei und ich das nun einmal nicht verstehen könne, so wie sie mich auch nicht.

So verständlich die Initialreaktion einer Mutter, insbesondere aus ihrer Generation stammend, sein mag, verletzend war dieses Nein zu mir trotzdem. Mehr als all die anderen Male, in denen sie mich einfach stehenließ. Und das ist etwas, was ich nicht vergessen kann, nicht vergessen möchte, auch wenn ich es verzeihe. Aus diesem Wissen entsteht ein Tauziehen zwischen Pflichtgefühl meinen Geschwistern gegenüber, Pflichtgefühl auch meiner Mutter gegenüber und dem sehr deutlichen Misstrauen, das ich in ihrer Gegenwart nun einmal empfinde.

Auch wenn sie immer wieder mal kurz kommuniziert, dass sie unser Kommen zu schätzen weiß, bleibe ich doch immer auf Distanz und weiß ihren Befehlston (sicherlich auch durch die verbalen Einschränkungen bedingt, zugegeben) nicht zu schätzen. Und dieses Gezerre in und an mir ist unglaublich ermüdend. So ermüdend, dass ich nach einem Besuch manchmal zwei oder drei Tage wirklich in den Seilen hänge, Arbeit liegenlasse, die ich eigentlich erledigen müsste. Und ehrlich gesagt weiß ich im Moment keinen Ausweg, außer es mir in der Zwischenzeit möglichst gutgehen zu lassen.

Im Kontemplieren dieser Umstände wird mir auch klar, dass meine Mutter es einmal mehr geschafft hat, Energien auf sich umzulenken, die ihr nur beschränkt zustehen. Dass es meinen beiden anderen Brüdern vermutlich überhaupt nicht anders und im Falle meines Bruders und meiner Schwägerin vor Ort vermutlich sogar noch viel mehr so geht, macht das nicht leichter. Und dass das irgendwie ziemlich abgebrüht klingt, auch nicht.

Ich hasse es, so distanziert zu sein. Ich hasse es, dass ich aufgrund der jüngsten Geschichte, die meine Mutter und ich teilen, ihr gegenüber so empfinde, dass Skepsis und Misstrauen immer mit im Boot sitzen. Mehr noch. Es tut mir weh, diesen Zwiespalt ständig zu empfinden. Ich bin ein herzlicher, warmer Mensch. Manchmal vielleicht zu sehr. Aber das gehört zu mir und ich fühle mich einfach nur gehemmt, wenn es nicht möglich ist. Andererseits trägt dies vermutlich auch dazu bei, dass ich nicht komplett weghöre, wenn P. mir sagt, dass ich definitiv eine Pause vom Kissenrücken, Beineziehen, Pofaltenrichten und Ferseneinreiben brauche und mich für eine Stunde vor die Tür zerrt, bevor es weitergeht.

PS: Selbst mit diesem Text ist und bleibt das Thema Mutter für mich von Mehrschichtigkeit durchzogen und was ich durchs Schreiben zu ordnen versuchte, ist immer noch ein schwer durchschaubarer Wust. Ob das wohl jemals klarer wird?

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One of the reasons for me getting to write on my blog considerably less this year, is my mother. After her 70th birthday in the spring of 2016, which also marked us coming out of a radio silence lasting one year following my coming-out (with severe reservations on my side because I was still hurting quite a bit and didn’t intend to let her get off easy) – her health and general state have declined severely. Not only does she look 20 years older, she also requires the help of an end-octogenarean with a failing body and – depending on the day you see her – her speaking is slurred to the point of me having a hard time understanding her.

Three weeks ago, my mother was sent to the hospital with what her caregivers initially defined as pneumonia. While at the hospital, this pneumonia turned into what it had always been: an urinary tract infection that went septic and for which she went straight on antibiotics.

Why I tell you stuff like that? Have you looked around the archives of this blog, yet? Even though you could maybe characterize me as somewhat of a verbal exhibitionist, this story is also one dealing with a transition and while writing down what goes on in my life and dealing with reading comments of readers lateron, I sometimes see things clearer, change points of view or start making sense to myself. Call it cathartic exhibitionism, if you want.

Getting back to the story. My mom being at the hospital, our visiting frequency considerably increased around Easter and with it I reentered the sphere of feeling ambivalent about being in the presence of my mother:

I see an old, very old woman, requiring help. Desperate and also in pain, with little remaining will to live. But also a person who still knows very well how to play the people around her to reach her goals. A bossy woman who will deploy a barrage of scenes in order to create attention (one of them being her new-found ability to have to lift up one of her eyelids in reference to a may-or-may-not-have-been-another-stroke when it continues to open pretty well as soon as nobody is looking. Or her being able to eat alone, as long as nobody is around, and losing that ability to a degree that immediately requires a change of clothes, as soon as you are back). And with that side of her I immediately recognize the person who told me last spring she would never accept me as her son, arguing that she had to do that as a mother and that I couldn’t comprehend because I wasn’t one.

As understandable as this initial reaction of my mother may have been, especially taking her generation into account, it still hurt an effin lot. More than all the other times she left me standing. And that is something I can’t and also don’t want to forget, even though I may have forgiven her. Knowing that creates a tug of war between a sense of duty towards my siblings and my mother and the clearly palpable mistrust I feel in her presence.

So, even though she sometimes communicates her being happy about us coming, I maintain my distance and I do not appreciate her commanding tone at all, even though it may partially also be caused by her verbal limitations. This tugging and straining is so draining that I sometimes need two or three days after a visit to get back to normal, leaving parts of my everyday work undone. But to be honest I don’t know a way out of there right now, apart from being good to myself in the meantime.

Thinking about the whole situation, I see that my mother has once more succeeded in draining energies that aren’t hers. That my two other brothers and especially my brother and sister in law that live closest to her will definitely feel the same and/or worse, doesn’t make it easier. And that all of this sounds very callous somehow, neither.

I hate being distanced. I hate the fact that I have to feel that way about my mother right now, due to the history we have. I am a warm, cordial person to the edge of it being a fault. Being that kind of a person is part of who I am and I feel caged if I have to go against my grain. It makes me helpless. Angry. But it also makes me listen to P. when she carefully suggests taking a break from shaking pillows, tugging on legs, straightening skin creases, and rubbing heels to recharge before we dive back in.

PS: Even after writing this text the situation with my mother feels manifold and confusing at best. My attempt to organize thoughts and feelings failed and they remain one hell of a tangled knot. And I don’t know whether that will change sometime soon.

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