Frieden mit dem Hulk in mir // Keeping the Hulk at bay

Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, als der Hulk zum ersten Mal in mein Leben trat. Es war 2004, bei P.s und meinem ersten Urlaub in Asturien in Nordwestspanien. Wir waren mit dem Auto nach Gijón gefahren und hatten uns nach einiger Sucherei im Stadtkern dazu entschieden, mit dem Mietauto in eine Tiefgarage zu fahren. Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, was genau Auslöser meines wütenden Ausbruchs P. gegenüber war. Auch P. geht es trotz hartnäckiger Nachfragen meinerseits den gesamten Nachmittag über (auch Überraschungsnachfragen, die nicht mit „Du, Schatz, …“ anfingen, waren dabei) nicht anders.

„Schreib doch ‚wegen einer Nichtigkeit'“, sagt sie, während sie das Dressing für unseren Feldsalat heute Abend macht.
Ok. Wir stritten also wegen einer Nichtigkeit und P. wollte nicht locker lassen. Und fragte auf dem Weg aus der Tiefgarage immer wieder, warum ich dieses etwas, an das wir uns beide nicht mehr erinnern, getan hatte. Woraufhin mir die Hutschnur erstmals in meinem Leben derart platzte, dass ich sie anschrie. Und zwar aus voller Brust. Das war die Geburt meines persönlichen Hulks. Nie zuvor hatte ich es mir gestattet, derart die Kontrolle zu verlieren und meine Wut sichtbar werden zu lassen.

Unnötig zu betonen, dass der Tag gelaufen war. Selbst unzählige Entschuldigungen später war P. berechtigterweise immer noch verschreckt. Und auch wenn sie sich heute nicht mehr erinnert, was der Anlass war, sie weiß immer noch genau, wie sie sich fühlte. Und dass sie das Gefühl hatte, die Person, die sie da anbrüllt, nicht zu kennen. Mir ging es da nicht wirklich anders.

Der Umgang mit Aggressionen, insbesondere mit denen der urplötzlich auftauchenden Sorte, ist etwas, was mir bis heute ausgesprochen schwer fällt. Zu sehr bin ich es gewöhnt, zu sehr bin ich dazu erzogen, mich frauensozialisiert zurückzunehmen und zu versuchen, meiner Verärgerung in kleinen Dosen und wohlformuliert Ausdruck zu verleihen. Das geht zurück bis auf die Zeiten meiner ersten Pubertät, in der ich häufig mit unbändiger Wut auf meinen Vater reagierte und meine Mutter versuchte, mich zum Schweigen zu bringen, indem sie mein wütend wippendes Knie unter dem Tisch festhielt und sagte „Shhhhh, sei still.“ Bis heute kann ich es nicht ertragen, wenn mir jemand das Knie festhält oder versucht, beruhigend darüberzustreichen.

Testosteron hat das Auftauchen des Hulks zu einem alltäglichen Begleiter in unserer Beziehung werden lassen. Meine Aggressionen, die zugegeben immer schon existierten, lassen sich inzwischen nur noch schwer bremsen, wenn sie erst einmal in Gang gekommen sind. In beruflichem Kontext verpönt gebe ich mir auch zu Hause sehr viel Mühe, unkontrolliertes Geschrei P. oder den Katzen gegenüber (ja, auch das kann passieren) oder laute Antworten auf „nervige“ Konversationen auf ein Minimum zu reduzieren. Mit variablem Erfolg. Es ist, als platze in solchen Momenten einfach etwas in meinem Kopf und obwohl mein Verstand danebensteht, den Zeigefinger hebt und Einspruch anmeldet, galloppiert der Hulk meist nach kurzem Husten laut brüllend und mit zerfetztem T-Shirt dem Horizont entgegen. So fühlt es sich an.

Vermutlich gilt auch hier: Übung macht den Meister. Mein Körper und meine Psyche müssen sich erst einmal daran gewöhnen, dass ein neuer Mitspieler auf dem Brett ist und ordentlich für Wirbel sorgt. Auch P. und ich versuchen, in solchen Momenten neue Mechanismen der Kommunikation zu finden. Was dazu führt, dass Konversationen gerne mal vorübergehend ein bisschen lauter werden. Der Unterton gereizter. Aber die Verärgerung findet auch (meist zumindest) ein deutlich schnelleres Ende. Hat das was mit Testosteron zu tun? Aber ganz sicher. Finde ich es gut? Ja und nein. Ja, weil die Wut, die ich immer schon fühlte, jetzt schneller ein Ventil findet und nicht wochen- oder auch monatelang in mir herumätzt. Nein, weil ich es nicht mag und auch nicht richtig finde, derart auszuflippen und P. zu zwingen, damit klarzukommen. Ich hoffe, ich finde bald heraus, wie sich mein ganz persönlicher Hulk schnellstmöglich wieder in Bruce Banner zurückverwandeln lässt.

_______________

I remember very clearly when I own personal Hulk was born. It was in 2004, when P. and I visited Asturias in northern Spain for the first time. We had taken our rental to the city center of Gijón to meet P.’s friends and had decided to use an underground parking lot  after looking for a parking spot above ground unsuccessfully. I can’t for the heck of it remember, though, what triggered my angry yelling at P. And even though the was the recipient of my outbreak, P. can’t either (even though I kept asking her through the whole afternoon today).

„Why don’t you write ‚we fought over something really insignificant'“, she tells me, making the dressing for our salad tonight.
Ok, so we fought over something really insignificant and P. didn’t want to leave it be. She kept asking on our way out, why I had done that something. That triggered an avalanche in me and I yelled at her uncontrollably to the better part of a minute. Without pulling the reins. Without being able to stop myself. That was the moment, my Hulk was born. Because never before had I allowed myself to lose my shit that clearly and ventilate my anger.

Needless to say, that day was done. No matter how many times I apologized, P. was in a state of shock and rightly so. And even though she might not remember what caused all this 13 years later, she still recalls very well how she felt. And that she felt like she didn’t know that person yelling at her. I can’t blame her, I felt the same.

Dealing with aggression, especially the kind making a surprise appearance, is something I still have trouble dealing with. My female socialization made me used to suppressing my anger and ventilating it in small doses, preferably well phrased. This goes back as far as the times of my first puberty when I often dealt with rage in dealing with my father and my mother kept trying to make me shut up by holding down my knee that was moving up and down uncontrollably from anger, saying „Shhhhh, please shut up.“ To this day I can’t bear someone holding down my knee or stroking it to calm me down or show affection for that matter.

T has made the appearance of the Hulk an everyday occurance in our relationship. My aggressions, which admittedly had always been there, are now impossible to slow down, once set into motion. As this would be very detrimental in a business context I exert all the restraing I can muster to not break out into rants, and I also try very hard to keep uncontrollable yelling or loud answers to a minimum, where P. and the cats are concerned (yes, I get angry at the cats). The results vary. In those moments I feel like some fuse in my head blows and even though my mind is standing right next to me, raising a warning index finger, objecting to what is about to follow, the Hulk usually coughs shortly before running into the sunset with a blown-open T-shirt. Yelling. This is how it feels.

I guess even here „practice makes perfect“ is the ticket. My body and mind need to get used to the new player on the board causing helter-skelter. P. and I try to find new means of communicating in those situations which leads to conversations turning up a notch more often that not and to undertones turning to the irritable side. But on the other side the irritation also comes to an end more quickly. Is that also caused by T? I am 100% sure. Do I think this is a good thing? Yes and no. Yes, because the anger that I have always felt now gets out of my system more quickly without eating at me weeks or sometimes months. And no, because I don’t like being that person and forcing P. do deal with it. I hope time will show me how my own personal Hulk can be turned back into Bruce Banner as quickly as possible.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.