Ältester Bruder, jüngster Sohn. Stufen. // Oldest brother, youngest son. Steps.

Manchmal ist das alles schon ein ganz schöner Seiltanz. In meiner Familie war ich immer das älteste Kind, aber irgendwie hat sich durch die Transition auch hier etwas geändert. Ich bin jetzt nicht mehr nur das älteste Kind, ich bin irgendwie auch das jüngste (sprich: neueste).

Jetzt könnte man grundsätzlich meinen, dass es ja nun in einer Familie von der Dynamik her ja egal wäre, ob jemand aus dem Familienverband sein Geschlecht verändert. Ich bin mir aber nicht mehr wirklich sicher, ob dem so ist.

Einer meiner Brüder stellte mich neulich (korrigiere mich, wenn ich mich falsch erinnere, P. ;)) als seinen „neuesten“ Bruder vor. Irgendwie gefiel mir das. Es unterstreicht, dass etwas frisch ist. Dass sich etwas verändert hat. Denn jede/r, die/der mich anschaut, muss unweigerlich von meinen grauen Haaren Notiz nehmen, addiert eventuell (obwohl ich das dann doch irgendwie nur den wenigsten unterstelle) den sehr spärlichen, eher pubertären Bartwuchs und stellt unter dem Strich fest, dass da irgendwo ein Parameter auf der Reise verloren gegangen sein muss. Die Bezeichnung „neuester“ trägt dem einfach Rechnung. Sie markiert mich gleichzeitig nämlich auch als anders.

Und anders, das war ich immer schon irgendwie. Meist völlig problemlos für mich. Ich hatte auch schon lange Zeit vor meiner Angleichung das Bedürfnis, mich in der Familie mit etwas Distanz einzubringen. Das mag an der Tatsache liegen, dass meine Mutter viele Jahre mit meinem lesbischen Leben nicht so wirklich klar kam und mich teilweise sogar bat, bestimmte Verhaltensregeln in Anwesenheit anderer einzuhalten, damit mein Anderssein nicht auffiel. So stellte sich quasi automatisch eine gewisse Position in der Familiendynamik ein und die „älteste Schwester“ als Verantwortungsträger, als Koordinator vielleicht auch, die gab es so nicht.

Wie sich das in Zukunft gestaltet, weiß ich nicht. Durch die veränderte Lebenssituation meiner Mutter stellen sich ungeahnte Felder vor, in denen Verantwortung zu übernehmen sicherlich eine Möglichkeit ist, auch und eigentlich besonders, um meinen Bruder vor Ort und seine Frau irgendwie zumindest ab und zu zu entlasten.

So fand ich mich neulich im Schwesternzimmer der Etage im Alten- und Pflegeheim wieder, in der die Senioren-WG meiner Mutter ist, Fragen zu den Lebensgewohnheiten meiner Mutter beantwortend. Ich merkte an, dass ich bestimmte Dinge nicht wisse, weil der Kontakt in den letzten Jahren sehr spärlich gewesen sei. Und auch hier kam das „Neue“ irgendwie zur Geltung, als die Pflegerin mich (wohl aufgrund meiner pubertären Entscheidung) zuerst als den jüngsten Bruder einstufte. Sie war überrascht, als ich ihr das Gegenteil versicherte.

Schon komisch. Eigentlich habe ich es immer gehasst, unerfahren in einem Bereich zu sein und problemlos als Anfänger identifizierbar. Inzwischen wird es mir aber irgendwie zur zweiten Natur, von vorne anzufangen. Eigentlich hatte der von mir nicht allzu arg geschätzte Hermann Hesse gar nicht so unrecht in seinem Gedicht „Stufen“, in dem er feststellt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“

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Sometimes life is more like walking a tight rope than anything else. In my family I always was the oldest child. Transitioning changed that in more than one way, I feel. Today, I am not only the oldest child, but the youngest son (a.k.a. the „newest“).

One should think that changing your gender expression within a family construct might shake up things, yes, but would maybe not touch on the dynamics within the family as such. By now, I am not sure anymore that this is entirely true.

A couple of days ago, one of my brothers introduced me as his „newest“ brother (please correct me, if I am wrong, C. ;)) And somehow that felt appropriate, as it underlined the newness of things. The fact that something has changed. Because everyone who will look at me today will notice my grey hair, will add (even though I am not sure that this is the case for most) the puberty-like growth on my upper lip and come to the conclusion that some parameter must have gone overboard in the calculation. The term „newest“ gives credit to this fact. And it also marks me as different.

Which I have never really had a problem with. Even long before my gender-reassignment I acted with a considerate amount of distance in the realm of my family. Coming out to my mother as a lesbian might have accelerated that, because she didn’t approve very much of being different in any way. So much, in fact, that she asked me to adhere to a special set of rules when older relatives or strangers were present to prevent me from sticking out and make it fall back on her. This created a special kind of position within the family dynamic and the oldest sister as such, a person carrying responsibility, didn’t exist as such.

I don’t know how this will pan out eventually. With my mother now living in a nursing home, new responsibilities and things to take charge of pop up every day, even if only to relieve some of the pressure my brother and his wife who live closest to my mother have been dealing with.

And this is how I ended up at the ward of the floor the community my mother now lives in is on, several weeks ago, answering questions about my mother’s habits. While doing so I repeatedly had to say that I didn’t know about one thing or another too well, providing the added information that we had been pretty much out of touch over the past years. And even here, the „new“ found its way between the lines because the person interviewing my assumed that I was the youngest of the three brothers (the one he had already met being, in fact, the youngest). She was pretty surprised that the opposite was true.

You know, I used to hate not being experienced in a field I need to act in. To not being experienced at something I do. I some areas (namely my occupations) that is still true. But changing the way the people around me see me, lets being new at something come easier to me. I guess Hermann Hesse wasn’t all too wrong in his poem „Steps“ where he stated: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ („The is an inherent magic to every beginning.“)

 

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