Abschied vom „Lesbennicken“ // Saying goodbye to the lesbian „nod“

Es ist soweit. Die USA haben tatsächlich einen unter sehr fragwürdigen Umständen gewählten Präsidenten ins Amt eingeführt. Einen Präsidenten, der bereits vor seiner Wahl durch tollwutartige Ausbrüche, Frauenhass, Rassismus, nicht verfolgte Anklagen von Vergewaltigung und andere Unaussprechlichkeiten von sich reden machte. Es steht zu befürchten, dass sein Verhalten national und international als Signalgeber fungieren und zu unangenehmsten Folgen für uns alle führen wird.

Auch, wenn es Herrn Trump vermutlich nicht die Bohne stört, hat seine Inauguration mich vergangenes Wochenende auf die Straße getrieben mit Millionen anderen Menschen. Rückblickend hätte ich es meiner Erkältung wegen wohl besser gelassen (ich musste nach etwa 90 Minuten abbrechen, weil es mir so gar nicht prickelnd ging), aber es war und ist mir wichtig, gemeinsam mit Frauen, Korrektur: Menschen zu zeigen, dass es eben nicht ok ist, was passiert.

Der Women’s March zog überdurchschnittlich viele Frauen – wie beim Titel wohl nicht anders zu erwarten war – aber auch einige Männer waren mit von der Partie. Da P. mit einer fetten Erkältung und mit Fieber auf dem Sofa weilte, brach ich ohne „weibliche“ Unterstützung nach Frankfurt auf. Ich hatte mich zumindest lose mit ein paar Menschen verabredet, sodass ich voraussichtlich nicht alleine sein würde. Dort angekommen fand ich eine überschaubare Menge Amerikanerinnen vor, die sich um den Brunnen an der Alten Oper scharten.

Das überwältigende Gefühl von Verlorenheit, das ich spontan beim Anblick der Frauenschar empfand, zog sich fast eine halbe Stunde und hörte erst auf, als mich I. fand, eine der Frauen, mit denen ich ein Treffen angepeilt hatte. Wir unterhielten uns ein wenig und mein Fremdeln mit der Frauenmenge ließ etwas nach. Was war nur los mit mir?

Erst, als mir immer mehr Lesben in der Menge und in meiner direkten Umgebung auffielen und ich wirklich vollständig von ihnen ignoriert wurde, begann es mir zu dämmern: Ich war für sie nicht mehr erkennbar. Diese Beobachtung traf mich – obwohl im Vorlauf zu meiner körperlichen Transition häufig vermutet und durchdacht – vergleichsweise unvorbereitet.

Denn: Lesben erkennen einander und meist schenken sie sich, auch wenn sie sich nicht bekannt sind, bei Begegnungen in der Öffentlichkeit ein irgendwie geartetes Zeichen des Erkennens. Das kann ein angedeutetes Nicken sein, ein Lächeln, ein etwas coolerer Gang – was auch immer im jeweiligen Moment geeignet scheint, das gegenseitige Erkennen wahrzunehmen und zu kommentieren. Ein Ritual, das ich immer sehr geschätzt habe, wenn ich ehrlich bin. Und in den letzten Wochen geschieht es immer häufiger, dass ich Lesben, die ich zum Beispiel im Biomarkt erkenne, annicken will und ich mich (meist im letzten Moment) gerade noch zügeln kann. Glaub mir, es ist unglaublich anstrengend, jahrzehntelang trainierte Minderheitenerkennungssignale außer Kraft zu setzen, die gleichermaßen zur zweiten Natur geworden sind.

Mit dieser Einsicht – gepaart mit der Tatsache, dass ich mein „Vaginas against Trump“-T-Shirt außer mit einem Schild am Kopf „Hey, ich bin trans und ich hab übrigens meine Bat-Cave noch“ wohl irgendwie hätte erklären müssen (ganz zu schweigen davon, dass ich mit dieser Definition Frau=Vagina jede Menge Transschwestern unter den Tisch fallenlasse, was auch so gar nicht geht, denn Geschlechteridentität liegt nunmal nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren -> Shame on me, ich hätte mal besser das Hirn eingeschaltet!) – stand ich wie vom Donner gerührt in der Menge, als sich gerade alle anschickten, loszugehen. Und verlor prompt I. und ihre inzwischen zu ihr gestoßenen Freunde. Also lief ich mit meinem Schild allein durch die Straßen. Nach etwa einer Stunde Briefumschlag-mit-Message-Hochhalten-und-Finger-abfrieren meldete sich dann meine Erkältung mit voller Breitseite zurück. Vermutlich ganz gut, denn der Sinn stand mir erst einmal nicht mehr nach Protest, sondern nach Trauer.

Jetzt weiß ich, wie sich das anfühlt, was ich immer vermutet hatte. Ich fühle mich bedrückt. Traurig. Unsichtbar. Verloren. Und das ist vermutlich auch gut so, denn wofür habe ich mir meine Therapiestunden sonst aufgespart, wenn nicht für so etwas? Ich muss meinen Platz finden. Muss die Außenwahrnehmung verstehen. Wie Menschen, die mich kennen, mich jetzt sehen und auch Menschen, die mich nicht kennen. Und mich irgendwie sortieren und wohlfühlen lernen. Das braucht vermutlich noch etwas Zeit und Arbeit. Doch beides ist es ganz sicher wert, denn an meiner Entscheidung für meine Transition zweifele ich nicht eine Sekunde, auch wenn die Begleitumstände schmerzen. Und zwar ordentlich.

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It is done. The USA have put a person into office whose election not only came about under very shady circumstances and as the outcome of the worst campaign ever, but also produced a pre-election persona that got known solely for his rabid, childish rants, misogyny, racism, not cleared accusations of rape, and other atrocities. And it is more than likely that this kind of behavior will serve as a signal nationally and internationally, creating an avalanche of yet unknown extent for us all.

Even though I am sure Mr. Trump will give less than a flying fuck about it, his inauguration drove me to the streets last weekend, along with millions of others. In retrospect I guess I would have been better advised to abstain from walking with my cold not yet gone (which is why I left the march after 90 minutes because I felt, well, pretty shitty), but it was and is very important to me to get together with women – or rather: human beings to tell the world that what is happening is not OK.

The Women’s March drew a predominantly female crowd – as could have been expected due to the title – but there were also a couple of men chiming in and walking in the crowd in Frankfurt. As P. had been down and out with her cold for two days and refused to leave the sofa (smart woman, eh?) I had to leave for Frankfurt without „female“ support. As I had gotten in touch with a couple of people non-committaly beforehand, I was sure that I would not have to walk alone. When I reached the meeting point I was met by two hand fulls of U.S.-citizens who had flocked around the fountain in front of the old opera house.

An overwhelming feeling of being lost came over me when I watched the growing number of women, the unease only partly subsiding when I. found me – one of the women who I had arranged to maybe meet during the march. We talked for a bit and I slowly felt a tad better. What was wrong with me?

Only when I noticed a considerable amount of lesbians around me and saw that they completely ignored me, it slowly began to dawn on me: They didn’t recognize me as one of their own anymore. This observation – even though I had expected for it to happen at some point and I thought I had prepared for it in detail – hit me pretty much out of nowhere.

Because lesbians recognize each other. And even if they don’t know each other personally, they will acknowledge the existence of another likeminded spirit in their proximity with some kind of ritual: It can be an ever-so-slight nod, a crooked smile or using a cooler gait, whatever is useful to secure recognition. And it is a ritual that I have cherished for the better part of my life, to be honest. But in the past weeks there have been a couple of instances when I was about to nod to a lesbian at the natural foods co-op and only stopped myself in time before I embarrassed myself in front of a stranger. And believe me, old habits die slowly, especially when you have grown so accustomed to them that they are more reflex than anything else.

With this insight – paired with the realization that my „Vaginas against Trump“-T-shirt would only work with a neon ad telling my surroundings „Oh, by the way, I am trans and I kept the bat cave, do you get it now“ (let alone the implications of the sentence, namely woman = vagina, marginalising my trans sisters even more, because gender identity is NOT what you have between your legs, but it snugly resides between your ears -> shame on me for not turning on my brain earlier!) – I stood dumbstruck in the growing number of people who were starting to walk now. And in the process I promptly lost I. and her friends who had joined her in the meantime. So there I was, walking alone with my sign. After about an hour of holding my envelope/sign up and freezing my fingers off, my cold really got worse again so that I left the protest and took the train home before the march reached its final destination. And maybe that was the better way for me that day, because I didn’t feel like protesting at all anymore. I felt like mourning.

Now I know how that „being lost“ feels. I had already assumed it would hurt, but now I know it does. I feel gloomy. Sad. Invisible. Lost. Which probably is a good thing, because that is the reason I saved a number of therapy sessions for exactly that moment. I need to find my place. Need to understand, how others see me, I mean, really see me. Those who know me and those who don’t. And I need to find out how I can feel whole with that, which is probably gonna take some time and work. But I am sure it will be worth the while, because transitioning still was the best decision I ever made. Even though the surrounding circumstances hurt like … well, a lot.

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