Ja. / Yes.

Meine Mutter kommt demnächst in ein Seniorenheim. Das ging alles sehr schnell. Der Abbau, den sie erlebt hat in den letzten Monaten, war dramatisch und niemand weiß so genau, warum es so gekommen ist. 70, das ist eigentlich kein Alter. Und doch sitzt vor mir eine Frau, die aussieht und sich verhält, als sei sie mindestens 10 Jahre älter.

In den letzten Wochen erlebte ich viele widersprüchliche Gefühle dazu in mir, während ich mit mehreren Antibiotikarunden darauf wartete, dass sich eine Wunde unter meiner rechten Brustwarze endlich schließen würde. Als Keimträger und mit halbstündlich bis stündlich zu wechselndem Verband hatte meine Ärztin mir davon abgeraten, meine Mutter zu besuchen, die auf dem Weg ins Badezimmer nachts gestürzt war und nun im Krankenhaus lag. Dieser Rat ließ mir Zeit, mich dem zu nähern, was nun kommt. Gespräche mit den Brüdern. Möglichst viel Unterstützung für den Bruder und seine Frau vor Ort, die die schwere Breitseite dieser Krise fast im Alleingang tragen und den „Luxus“ der Atempause nicht haben. Und Vorbereitung darauf, wie es mit mir und meiner Mutter nun weitergeht. Denn unsere Beziehung war wahrlich nicht in Ordnung in den letzten Monaten. Naja, Jahren eigentlich schon fast. Wie würde ich wohl mit ihr umgehen, wenn ich sie sehe? Was sagen, wie auf sie zugehen können, mit all der Wut, die ich immer noch empfand?

Diese Woche dann fuhr ich endlich zu ihr ins Krankenhaus. Vor mir sitzt eine alte Frau. Verzweiflung im Gesicht. Tränen in den Augen. Ihre Antworten langsam, schleppend. Und trotz der Wut und Enttäuschung, die ich seit langem mit mir trage, ist das authentischste Gefühl, das ich in diesem Moment habe, Mitgefühl. Auch wenn ich weiß, wie garstig sie auch sein kann, wie unfair sie manchmal auch jetzt noch ist. Die Verzweiflung, die Trauer, die ist echt. Und damit kann ich umgehen. Und so sitzen wir, unterhalten uns und schweigen auch ab und an. Ich spüre Frieden in mir. Meine Wut muss einen anderen Ort finden für den Moment. Und dann, als ich meine Jacke anziehe, um zu gehen, setzt sich die Bettnachbarin meiner Mutter auf und fragt: „L. ist das dein Sohn?“ Und meine Mutter antwortet ohne Zögern: „Ja.“

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My mother will have to move to a retirement home shortly before Christmas. This development came about pretty quickly. The decline of her abilities came about swiftly over the past three months, and the change is dramatic. Nobody really has an explanation how it came about. 70, that is the new 60, after all. And yet, across from me there is a woman who looks and acts as if she is at least 10 years older than that.

Over the last couple of weeks I experienced a lot of contradictory feelings while I waited through two bouts of antibiotics for my wound below my right nipple to close and for me not having to change the dressings every half hour to an hour anymore. Being a germ carrier, my physician had strongly advised against visiting my mom for the time being. This assessment gave me some time to get into the mindset for the things to come. Talking to my brothers. Giving the one brother and his wife who live close to my mother’s place and who take the brunt of this crisis, as much support as possible. And preparing for how the relationship between my mother and me will change now. Because let’s be honest, it hasn’t been much of a relationship over the last months. Heck, years, rather. How would I deal with seeing her? What would I say, given all of the anger that was still there in me?

This week I finally went to see her. In front of me, there is an old woman. Desperation written all over her. Tears in her eyes. Her answers slow, delayed. And despite all the resentment and disappointment I have been carrying with me, the most authentic feeling I can muster is compassion. Even though I know, how nasty she can be and how unfair she may still be at point or the other. The desperation, the mourning, they are real. And I can deal with that. And so we sit and talk. And sometimes, we don’t talk. I feel peace. My anger needs to find another place for now. And then, while I put on my jacket to leave, my mother’s bedfellow sits up in her bed and asks my mother: „L., is that your son?“ And my mother replies without hesitation: „Yes.“

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