Liebes Tagebuch (3) // Dear Diary (3)

Gerade kommt die Sonne hinter den Wolken raus, ein kleiner Abschiedsgruß, bevor es dunkel wird. Den ganzen Tag über fühlte sich die Stadt eher nach Mittelerde an. Als es noch so richtig duster war, fuhr ich zu meinem vorletzten Haarschnitt vor der OP und fand mich unvermittelt einer Studienfreundin gegenüber, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Witzig, dass wir uns noch nie dort getroffen haben.

Sie hatte zwar über gemeinsame Freunde bei fb meinen geänderten Namen gesehen, als ich dann aber völlig aus dem Nichts vor ihr stand, musste sie doch erst einmal sortieren. Mir ging es genauso. Auch wenn sich unsere Leben nicht wirklich berühren, freue ich mich immer unglaublich, sie zu sehen. Ein Speedupdate über die Ereignisse aus der Hüfte zu schießen schien angebracht, gehörte heute aber nicht wirklich zu meinen Kernkompetenzen. Und so zog ich unbeholfen meinen Ausweis aus der Tasche, als müsse ich belegen, dass das alles auch stimmte. Ich hoffe, sie hat es mir nicht übel genommen.

Als sie mit ihrer Friseurin zum Haarewaschen verschwand, legte mein Pendant mit meinen Haaren los. Er zauberte wie immer einen waschechten Wunderhaarschnitt. Und zwischendurch erkundigte er sich, ob ich nach der OP noch mehr verändern wolle. Ich war etwas ratlos, weil ich nicht genau wusste, was er meinte. Denn ihm ist bekannt, dass meine Mastek wohl die einzige OP sein wird, die ich machen lasse. Er erklärte mir, dass er meinte, ob ich meinen Kleidungsstil ändern wolle. Ich stutzte. Darüber hatte ich noch nicht wirklich nachgedacht. Kleide ich mich denn noch „weiblich“?
Als ich nachfragte, verneinte er das. Aber die Frage blieb trotzdem. Was wird sich denn jetzt nach der OP verändern? Ist tatsächlich andere Kleidung angebracht, z. B. um meine doch sehr gebärfreudigen Hüften etwas zu kaschieren? Vielleicht kann ich auch ganz andere Sachen tragen, wenn die Mädels gegangen sind?

So trivial diese Nachfrage erst einmal scheint, sie hat doch unmittelbar damit zu tun, was nach vollbrachter OP ansteht und mich ebenfalls mit Spannung erfüllt: Der Umzug in die andere Schublade, der nun zunehmend – zumindest von außen betrachtet – wahrnehmbar wird. Sicher, die meisten Menschen halten mich inzwischen vermutlich eh für einen umfangreichen Mann mit Gynäkomastie, aber eben nicht alle. Wenn sich ihr Verhalten für mich merklich verändert, wie wird das wohl sein? Angenehm? Befremdlich? Verunsichernd? Ärgerlich?

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A couple of minutes ago, the sun broke through the clouds as if to bid farewell before dark. The whole day had a serious middle-earth-feeling to it. When clouds were hanging real low around noon, I went to one of my two last haircuts before I go awol for some time and in the waiting area met an old friend from university. Funny how we seem to have had the same barber and yet never met until today.

She said that she had seen, through shared friends on fb, that I had changed my name but when she saw and heard me, it kinda took her by surprise and she had to remain seated for a moment to sort things out. I felt the same way. Even though our lives seem to place in different galaxies somehow, I always am really happy to see her, whenever it happens. A speedy update seemed appropriate but I guess it was not really my forte today. So, clum-awkwardly I pulled out my new ID as if to prove that everything I told her was real. I truly hope she didn’t find it too flaky and superficial.

So, when she disappeared into the back room to get her hair washed, my barber started giving me yet another wonderful haircut. And in between buzz-cut sides and the clip-clapping of his scissors he asked me about the upcoming surgery and whether I wanted to change more things afterwards. He had me at a loss there, because I didn’t know what he wanted to know exactly. I told him that my top surgery is very likely to remain the only transition-related surgery I will undergo. He meant whether I wanted things like my clothing style afterwards. Again I was at a loss. I hadn’t really thought about that. Do I wear a feminine style?

When I asked him, he shook his head. But the question was an interesting one, after all. What will change after surgery? Will I need different clothes, for example clothing that will hide my broad hips? Maybe I will even be able to wear clothes I never even thought about, once the girls have left?

As trivial as his question may seem at first glance, it kinda ticks off one square surrounding the surgery experience I have not really been able to deal with because it hasn’t happened yet: Moving to another drawer in the identity chest (pun very much intended, hope it works) will eventually become more and more visible. Sure, most people see me as a big guy with gynaecomastia, but not all. When their way of acting around me changes, how will that feel? Nice? Strange? Disconcerting?

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