Jein // Yes.No.Yes?No?

Es ist 1996. Meine Freundin ist weg und bräunt sich in der Südsee? Allein? Ja, mein Budget war klein …

Jein. Der zugegeben alberne Song von Fettes Brot hallt mir schon die ganze Nacht im Kopf herum. Es ist viertel nach vier. Mein Rücken tut weh, weil P und ich den gestrigen Abend viel zu früh im Bett waren (Feiertag) und uns über die verschiedenen OP-Methoden einer Hysterektomie Gedanken gemacht haben. Und beides raubt mir jetzt den Schlaf. Gerade hat sich Pesto auf dem Schreibtisch zu mir gesellt. Er findet, die Nacht ist noch nicht rum. Der Tee, den ich gerade getrunken habe, sieht das anders. Also schreibe ich.

Bis 2011 gab es ein Gesetz in Deutschland, das vorschrieb, dass Menschen wie ich, die Vornamen und Personenstand ändern lassen möchten, zuerst eine Hysterektomie durchführen lassen müssen. Frei nach dem Motto: Hübsch erst mal sterilisieren, denn schwangere Männer, die gibt es nun einmal nicht. Das Präteritum ist in diesem Fall nicht einmal wirklich angebracht. Nach wie vor gibt es dieses Gesetz. Es wird nur nicht mehr angewandt. Das Ergebnis ist, dass ich gerade hier sitze, Eierstöcke und Gebärmutter zwar ausgeschaltet, aber intakt, und mir Gedanken darüber mache, ob ich die Batcave entfernen lasse bei meiner Mastek, oder nicht.

Um ehrlich zu sein, die Kontra-Argumente wiegen in meinem Kopf im Moment deutlich schwerer. Da ist die verlängerte Rekonvaleszenz kombiniert mit einer weiteren Narbe und einer langen Rückfahrt nach der Entlassung in Hamburg, die mir Sorgen bereiten. Da sind Geschichten über Beckenbodensenkungen, die nicht wirklich verlockend klingen. Da ist die Tatsache, dass aufgrund meines ungenutzten gebärfreudigen Beckens eine vaginale Entfernung dieser Organe nicht infrage kommt und dass ich deutlich länger nach der OP nicht heben dürfte, als nur nach der Mastek. Und das doppelte Trauma, dass diese Doppel-OP für meinen Körper nun einmal darstellt, egal, wie sehr es heruntergespielt wird.

Auf der anderen Seite sind dort die Phantom-Mensschmerzen (so nenne ich sie jetzt einfach mal), die mich seit einiger Zeit meist nachts plagen, aus dem Schlaf reißen. Vermutlich sind sie verursacht durch das Schrumpfen der Organe, aber so genau weiß das niemand, auch die eigentlichen Experten nicht. Hier besteht eindeutig Forschungsbedarf. Erfahrungsberichte zeigen, dass diese Schmerzen mit der Hysto vermutlich gegessen wären. Da ist das Bedürfnis, alles in einem Abwasch zu erledigen. Denn es kann sein, dass Gebärmutter und Eierstöcke irgendwann doch doch das Testosteron unsexy finden und rausmüssen. Und da ist die Hoffnung, dass ohne Hormonproduzenten im Körper die Wirkung des Testosterons vielleicht noch eine Spur besser greift.

Meine Knie sind kalt. Die Kater sind inzwischen zu ihren morgendlichen fünf Minuten mit den Ladies abgedampft. Aber zumindest sind meine Schultern und mein Rücken warm, ich habe mir eine Decke umgelegt. P hat gestern Abend rührend recheriert. Ich habe noch einmal eine E-Mail an den Chirurgen geschickt. In ca. 2 Wochen muss ich mich entschieden haben. Ja, ich habe das auf die lange Bank geschoben, eben weil ich so unentschlossen bin. Und weil das so ist, sitze ich hier mit einem ganz entschiedenen „Jein“ in meinem Kopf und weiß nicht so recht, wie es von hier aus weitergehen soll.

Vielleicht kann ich ja doch noch ein bisschen schlafen. Ich probiere es mal.

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It’s 1996. My girlfriend has gone to get a tan in the south seas. Alone? Yeah, I didn’t have the cash … (this more-shaken-than-stirred translation of one of my favorite 90s songs doesn’t do this justice, so I’ll just proceed with its title: yes and no combined, in German „Jein“)

Jein. I can’t get the lyrics to this song by Fettes Brot out of my head. It’s a little after 4 AM. My back is aching from having been in bed way to long yesterday, researching the different surgery methods for hysterectomies (to be honest, P did the research, I listened and writhed in bed). Both is causing lost sleep now. Just a second ago, Pesto joined me on the table, looking at me reproachfully. He thinks, I really should get back to bed now. The cup of tea I just downed begs to differ. So I am typing.

Up until 2011 there was a law in Germany that prohibited name and gender marker change in trans people, unless they had had a hysterectomy. If you ask me, that is a clear case of „Spay it. There is no such thing as a pregnant man“. In fact, the past tense is not even the correct tempus in this case, as the law hasn’t been kicked, it is just hibernating. Me, sitting here in my PJs, ovaries and all still intact but hibernating as well, is a result of that. My head is spinning from trying to decide whether or not to keep the bat cave for now.

To be honest, the cons outweighthe pros right now. There is the prolonged reconvalescence and another scar to care for. The 6-8 hour drive home after getting out of the hospital. Stories about descending pelvises not adding to the beauty of the scenery. There is the fact that my broad but barren hips prevent a vaginal hysterectomie. And the double trauma for my body, even though every health-care professional seems eager to play that down for me.

On the other side, there are those phantom cramps (as I call them) that have started to keep me up at night. They might be caused by the shrinking of my reproductive organs. Might. Even the „experts“ are not sure about that. Research in that field seems grossly unattractive. Stories of other trans men relay that those cramps might most certainly be done with, once the hysterectomy ist over. There is this desire to simply be done with it, as there is that chance that my reproductive organs might not find prolonged exposure to T too sexy. And there is this hope that without hormone-issuing organs, the T might even work a tad better.

My knees are cold. Pesto has just left to join the ladies for their early morning madness in the hallway. But at least my shoulders are warm and toasty, I got myself a blanket. Once more, P did the research for me last night. After hours of clicking through various websites, I sent another e-mail to my surgeon. I have to decide what I want to do within the next two weeks. Yes, I have avoided the topic. Because I can’t make up my mind. And because it is, what it is, a clear „Jein“ echoes in my head. Right now, I am not sure, which way this is gonna go.

Maybe I can sleep now after all. I will give it a try.

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Ein Gedanke zu “Jein // Yes.No.Yes?No?

  1. Ach Menno, ich glaub dir´s! Obwohl ja viele Frauen auch nach jahrelangen Mensesschmerzen mit einem tiefen Seufzer erleichtert diese Op machen ließen. Nicht so sehr die Eierstöcke, klar. Aber die Gebärmutter, die bei einigen (vielen?) lustig umherspringt und an Stellen Schmerzen verursacht, die zu dem Ursprung keinen Bezug haben. Man dreht und wendet, kann ich mir vorstellen.

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