Liebes Tagebuch (15) // Dear Diary (15): Coming Out reloaded

Ein bisschen später, aber besser spät als nie (dies passierte schon vor ein paar Wochen):

Das wars. Ich habe mit meinen Schülern gesprochen. Ihnen erzählt, warum ich jetzt für längere Zeit nicht da sein werde. Diese „Beichte“ habe ich lange vor mir hergeschoben. Ich habe tatsächlich bis zur letzten Woche unserer gemeinsamen Zeit damit gewartet. War ich feige? Finde ich nicht. Meine Entscheidung hierfür hat vielmehr etwas damit zu tun, wie ich mich als Lehrer begreife: Ich finde es wichtig, dass meine Person nicht mehr Platz einnimmt, als sie unbedingt muss. Es gibt genug zu lernen. Meine Erscheinung, mein Haarwuchs, mein Auftreten sorgen bereits ausreichend für Ablenkung und LGBT-Themen, das ist mir sehr wichtig, sind stets positiv präsent bei mir. Ich wollte den aktuellen Kurs einfach rund abschließen, wenn ich schon in der Mitte gehe.

Bei einem Coming Out hilft sicherlich, wenn man von den Menschen, denen man sich outet, gemocht wird. Aber es ist kein Garant, dass es gut läuft. Ich sah in ihren Gesichtern, dass das Thema ihnen fremd war. Ein paar Arme verschränkten sich. Ich griff das auf und erklärte, dass ich verstehe, wie fern dieses Thema vielleicht ihrer Lebensrealität liegt. Aber dass dies nunmal ist, wer ich bin und dass es mir besser geht, seit ich diese Wahrheit akzeptiert habe. Das brach das Eis, naja, schmolz wohl eher den Schneeregen, wenn wir schon in meteorologischen Metaphern angekommen sind. Sie stellten Fragen, berichteten von der Situation transidenter Menschen in ihrem Heimatland, von „sind ihres Lebens nicht mehr sicher“ bis „eine Sünde“. Und trotz dieser düsteren Bilder, der Sicherheit, dass meine Reisemöglichkeiten sich in Zukunft sicher noch um ein paar weitere Länder einschränken, war eine durchgängige Offenheit zu spüren. Später standen wir sogar noch beieinander und sprachen über Neuanfänge. Es fühlte sich gut an, diesen Schritt gegangen zu sein. Es fühlte sich gut an, mich hier in Deutschland zunächst einmal in Sicherheit zu wissen.

Heute (also tatsächlich heute) war nun der letzte Therapietermin vor meiner OP. Ich konnte dank der krankheitsbedingten Pause und der dadurch eingetretenen Entspannung nicht viel berichten. Außer, dass mein Testosteron alle ist, und damit alte Bekannte wie Mini-Panikattacken wieder mal anklopfen. Eine davon ist, wie das wohl sein wird, nach der OP im Januar eventuell noch alten Schülern, dann aber auf der Herrentoilette zu begegnen? Werden sie dann wohl immer noch genauso entspannt sein? Oder werde ich ihnen anmerken, was sie eventuell wirklich denken? Das alles sind Brücken, über die ich irgendwie noch drüber muss. Ängste, die ich wichtig finde, zu relativieren. Und mit diesem Versuch gehe ich heute ins Bett.

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Better late than never (the following actually happened a few weeks ago):

That’s it. I talked to my students about why I will be going to a hospital soon, and why I won’t be able to continue my class with them. This „confession“ was something I had been putting off for quite some time. Actually I waited until our last week together. So, was I a coward to do that? I don’t think so. Let me tell you, why: This decision was much more about how I perceive myself as a teacher. I think it is very important that the personality and the private life of a teacher only interfere with class occasionally, if at all. There is too much too learn. My appearance, hair growth and my overall stance tend to be distraction enough in my eyes (not to be mistaken for shame. Hell, I am, what I am!) and I provide ample possibility for LGBTI topics to be dealt with in class, presenting them as part of our society, even though I know there are people who will disagree. In short: I wanted to leave the bridge with a clean cut.

What definitely facilitates a successful coming out is to be liked by the people you are coming out to. But it is no guarantee whatsoever that it will also go well. In their faces I could see that the topic was strange to them. I saw a couple of arms cross, which I picked up by saying that I understand how far this topic most probably is from who they are and what they have experienced. But that I am transgender and that I have been so much better, including a better teacher, since I have embraced that truth for myself. That proved to be an ice-breaker. Or rather, it melted the slush that was already turning to water, to stay within the realm of meteorological terminology. They asked questions, told me about the situation of transgender people in their countries, which ranged from „fearing for their lives“ to plain out „sin“. And even though that painted a pretty bleak picture, proving once more that the list of countries I will be able to travel safely has been significantly reduced, I could feel a great degree of openness. After class we even stood outside and kept taking about starting new later in life and how that felt in different areas of our existence. It felt good to have taken that step. And it felt good to know, that at least for now, I am safe here in Germany.

Today (and now I really mean today) was my last session with my therapist before my surgery. Due to feeling utterly relaxed after one week in sick bay, there wasn’t too much to talk about, except that my T levels are really low now and old friends come visiting (a.k.a. mini panic attacks). One of those panicky threads of thoughts is how old students will react when they meet me in the men’s room after I return in January? Will they be as relaxed then? Or will I experience then, how they really feel? These are all bridges that will need to be crossed sooner or later. But there is time. Time to put those fears into perspective. Time to deal with them.

And now: off to bed.

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