„Papa, ist das ein Mann oder eine Frau?“ // „Hey dad, is that a man or a woman?“

Vor ein paar Wochen hatte ich Klassentreffen. 25 Jahre Abitur. Das letzte Mal hatte ich den Großteil meiner ehemaligen Mitschüler vor 15 Jahren gesehen und es hatten sich viele Menschen angesagt, die zu sehen ich mich wirklich freute.

Zunächst ließ ich den Tag einfach auf mich zukommen, dachte nicht weiter darüber nach, was ich sagen, wie ich mich präsentieren oder wie ich mich vorstellen würde. Ich las nicht einmal mehr die letzte Mail des Organisationsteams gründlich durch, die ein paar Tage vor dem gemeinsamen Abend verschickt wurde (im Nachhinein etwas, was vielleicht sinnvoll gewesen wäre). Als der Samstag dann gekommen war, war ich dann aber doch aufgeregter, als ich mir eigentlich eingestehen wollte und versuchte das, durch cooles Wegwischen bis in die Nachmittagsstunden zu verdrängen.

Aufgeregt bin ich dieser Tage häufiger. Immer wieder finde ich mich in Situationen, in denen ich das Gefühl habe, meine unerwartet tiefe Stimme oder das etwas eckigere Aussehen erklären zu müssen.

Anyway. Als ich auf dem Parkplatz der Gastronomie ankam, in der das Treffen stattfinden sollte, herrschte gähnende Leere. Ich hatte mir zwar sowieso vorgenommen, etwas früher anzukommen und dann spannermäßig die ankommenden Menschen in Augenschein zu nehmen (ja, ich mache sowas schon mal), aber soo leer hatte ich mir das doch nicht vorgestellt. Auftritt: Mobiltelefon. Eine kurze Recherche im Posteingang bestätigte: Der Beginn der Veranstaltung hatte sich seit letztem Jahr um eine Stunde nach hinten verschoben. Dang!!!

Da aufgrund mangelnden Interesses eine Schulführung nicht geplant worden war, beschloss ich, dies auf eigene Faust zumindest von außen nachzuholen. Es war seltsam, durch die Straßen zu fahren, die ich früher auf dem Weg zur Schule so oft benutzt hatte. Irgendwie – und ohne jetzt eine allzu nostalgische Note anzuschlagen, die sich in allzu vielen Rocksongs wiederfindet *aber ihr könnt gerne folgenden Song von Thunder hier abspielen* – hallte in jeder Abbiegung und jeder Gerade bis zu meinem alten Gymnasium ein Echo, auch wenn sich hier und da viel verändert hatte. Ich passierte meine alte Sporthalle, in der ich früher Judo mit meinem Vater gemacht hatte. Die Straße, an der ich unzählige Tage auf den Bus in meine Gemeinde  gewartet hatte. Das Haus, in das unsere Nachbarn aus meinem Heimatort gezogen waren, nachdem die Ehefrau MS bekam. Links dahinter ein kleiner Weg durch einen Tannenhain, der direkt zu dem Parkplatz führte, auf dem früher der Vater meiner besten Freundin, der Französischlehrer an meiner Schule war, sein Monstrum von einem Bus parkte.

Schließlich blieb ich auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang stehen, stieg aus und näherte mich der Eingangstür. Links lag der naturwissenschaftliche Trakt, in dem ich früher Chemie und Bio gehabt hatte. Irgendwo in der Schule summte ein unglaublich lauter Generator. Klein war sie, die Schule, von der ich manchmal noch träume, wenn mal wieder der „Du hast dein Latinum nicht bestanden“-Traum auf dem Plan steht. Auf den Stufen neben dem Vorplatz roch es nach Tanne, das dazugehörige Exemplar rauschte leise über mir. Hier hatte ich vor vielen Jahren zu meinem ersten Foto auf dem Gymnasium gesessen, am ersten Schultag. Weißes T-Shirt und ein knallgelber Scout-Schulranzen. Aufgeregt. Erwartungsvoll. Ich bin immer gern zur Schule gegangen.

Nach diesem kurzen Moment ging ich in Richtung Schulhof. Hier hatte meine Jahrgangsstufe in monatelanger AG-Arbeit einen Teich angelegt und dabei jede Menge Bauschutt aus dem Boden zutage befördert. Eine Schinderei. Von dem Teich gab es keine Spur mehr. Stattdessen ein neues Gebäude mitten auf dem Schulhof. Dorthin zu kommen, war jedoch unmöglich: ein grenzartiger Zaun verschloss dieses Areal. Ich ging zurück zu meinem Auto und beschloss, das Gelände mit dem Auto abzufahren. Überall Zaun. Selbst dort, wo ich mit meiner besten Freundin auf Bäume geklettert war (heute bestimmt verboten). Neu angelegte Bushaltestellen. Mehr Zäune.

Frustriert zog ich nach einer Runde um das Areal in Richtung Innenstadt. Der Supermarkt, in dem ich früher immer eingekauft hatte, war jetzt ein Schuh-Outlet. Ich hatte P versprochen, noch schnell etwas Gemüse zu besorgen, weil ich ja noch Zeit hatte bis zum Treffen. Gegenüber ein Einkaufszentrum mit Supermarkt. Ich fuhr ins Parkhaus, stieg in den überdimensionierten Aufzug und fuhr auf die Ebene des Supermarkts. Auch wenn er inzwischen die Straßenseiten gewechselt hatte, war die Einrichtung des Ladens fast genauso, wie ich mich erinnerte. Wieder Erinnerungsflashs. Kurzer Stopp am Backwarenfach für zwei Brezeln – der Blick auf die Speisekarte der Örtlichkeit verhieß ein Ödland für Veganer –  und weiter in die Gemüseabteilung. Bio-Aufkleber aus transparentem Kunststoff auf den Paprikaschoten. Ich verharrte einen Moment und fragte mich, seit wann es die wohl gab. In diesem Moment gesellte sich ein etwa 10-jähriger Junge mit seinem Vater zu mir in den Gang. Es dauerte etwa eine halbe Minute, dann der Satz, den ich untrennbar mit meiner Kindheit in der Vorderrhön verbinde: „Papa, ist das ein Mann oder eine Frau?“

Gut zugegeben, damals hieß es noch: „Papa/Mama, ist das ein Mädchen oder ein Junge?“, oder noch besser: „Bist du ein Zwitter?“ (woher auch immer sie diesen Begriff kannten, vermutlich auch von ihren Eltern). Die irritierte Nachfrage von Kindern jeder Altersstufe zu meinem Geschlecht kenne ich, seit ich selbst ein Kind war. Und ja, sie wird in bestimmten Regionen (wie Osthessen eben) auch von Kindern eines Alters gestellt, in dem die Lautstärke bei einer solchen Frage nur noch durch mangelnde Sozialkompetenz oder mangelnde Sensibilisierung seitens der Eltern erklärbar ist. Verletzt mich diese Frage? Mitnichten (siehe Die Sache mit dem “Untenrum”). Ich empfand in diesem Moment ein beinahe wohltuendes Gefühl von Déjà-vu. Ich war dort, wo ich groß geworden war. In einer Region, in der ich immer der Exot war, weil Anderssein nun mal die Ausnahme war. Und ich war immer anders. Selbst, als ich noch alle Kinder versuchte, davon zu überzeugen, dass ich eben ein Mädchen sei.

Dem Jungen in der Gemüseabteilung hätte ich wohl antworten müssen: Du, das weiß ich manchmal selbst nicht so genau. Wie ich es eben hier bei mir zu Hause heute auch tue. Ich bin eine Verwirrung für viele. Ich für mich bin völlig damit einverstanden, ein Hybrid zu sein. Auch, wenn ich inzwischen einen männlichen Namen trage und mich äußerlich noch ein ganzes Stück an dieses Geschlecht annähern und es annehmen werde.

Tja. Als ich nach diesem Erlebnis zu meinem Klassentreffen fuhr, war mir die Lust auf Unterhaltung trotzdem erst einmal vergangen. Und so stand ich am Rand, während sich Menschen um mich herum begrüßten. Stand da und beobachtete. Fand mich ein. Und saß schließlich den ganzen Abend mit Menschen zusammen, mit denen ich teilweise auch während der Schulzeit nicht mehr als ein paar Worte gewechselt hatte. Die alten Freunde aus der Schulzeit und ich fanden nicht so zusammen. Das macht aber nichts. Es war ein Abend des Übergangs. Und wenn die Zeit vergeht, werden auch wir wieder ein paar Takte miteinander reden.

PS: Einen Dank an Osthessen. Du bist nicht halb so schlimm, wie ich dich hier wegkommen lasse. Auch du bist ein Puzzlestein dessen, was mich ausmacht.


 

A couple of weeks ago I went to my highschool reunion. 25 years had passed since my Abitur (graduation after 9 years of highschool). My last meetup with the larger part of the class of 91 had been 15 years ago and I was really looking forward to seeing some of the people who had announced they would attend.

At first I kind of ignored that the date was coming up, not spending much thought on what I would say or how I would present and introduce myself. I only half-assed read the last mail sent out by the organizing comittee one week prior to the reunion (in retrospect something I should have done, but more on that in a couple of sentences). So when the day had finally come I was surprised to find out that I, in fact,  was a nervous half-wreck about this. Still I chose to ignore that fact for a couple of more hours.

I tend to be nervous a lot, lately. More often than not I find myself in situations of everyday life in which I feel I should comment or explain my newfound bass or the broader neck to people that I haven’t seen in a while.

Anyway. When I arrived in the parking lot of the venue, mine was the only car there. „Well, ok“, I thought because I kind of had the plan to sit in my car and car-stalk my classmates from a safe distance before joining them (yeah, I do that), but as the minutes passed, the absence of other cars grew more ominous. Enter: my cell phone. A short check of my mailbox told me that the reunion had been pushed back by an hour since last years initial mail. Dang!!!

Due to lack of interest, the group of people who organized the reunion had decided to not have a guided tour of my school, so I decided to take matters in my own hands. It was strangely weird to drive the roads up to my school. Somehow – without being too corny-melodramatic-pop-song-like here *but feel free to play the following song by Thunder here, if you so please* – every turn and every street I took seemed to echo the countless days that I  traveled them in order to get to school. Even though some things had changed, I recognized the gymnasium I used to do Judo in with my father, the street on which I used to wait for the bus to take me home in the afternoons. Over there was the house our neighbors moved to when the wife was diagnosed with MS, behind it a small group of trees where the father of my best friend who was teaching French at my school used to park his ginormous bus.

Finally, I parked my car and went to the main entrance of my former school. To the left was the science wing where I used to study biology and chemistry, much to my dismay at the time. Somewhere in the school a generator was going at it. My school seemed even smaller than the last time I had seen it (which is everytime I have the „sorry-you-didn’t-finish-Latin-with-a-passing-grade“-dream). On the steps to the right of the entrance there was the soothing smell of pine that I attributed to the very large specimen above me, swaying ever so slightly in the spring wind. It was here that my mom took a picture of me on my first day of highschool. I was wearing a white T-shirt and my sunflower yellow Scout (a school bag brand in Germany). Excited. Hopeful. I had always enjoyed school.

After pausing for a moment, I decided to walk towards the school yard we used to spend our big breaks on. The class of `91 had dug a school pond there for months, dragging what felt like tons of construction waste out at first. The pond: gone. Instead there was a new building right in the middle of the school yard. As interested as I was to find out what exactly it was, there was no way of getting there: a large fence that would be able to put some border fences to shame surrounded the whole area. So I walked back to the car and decided to take a quick motorized tour. Fences everywhere. Even over there, where my best friend and I used to climb trees (which is outlawed today, I am sure). Professional bus stops. More fencing.

Somewhat frustrated by the whole experience, I drove my car to the city center after that. The super market I used to shop in while I was still living there had made way to a discount shoe shop. As I had promised P to shop some groceries for the weekend while I was there, I drove to the parking deck of the shopping center across the street. There still was time left before the reunion. And even though the super market had changed the side of the street, the former interior seemed to have been transfered there without much change. More flashbacks. Short stop at the bakery corner for two Bavarian soft pretzels – having taken a look at the menu of the venue *short snicker due to the involuntary rhyme* that did not bode too well for vegans – before I headed for the vegetable section. „Organic“-stickers made of plastic on the bellpeppers. While I stood there flabberghasted for a moment, I was joint by a ca. ten year old boy and his father in the produce section. And it took the boy a record time of about thirty seconds to utter the sentence that sums up my childhood in the Rhoen mountains: „Hey dad, is that a man or a woman?“

OK, so when I was a kid, it was a bit different: „Mom/Dad, is that a boy or a girl?“, sometimes even „Hey, are you a hermaphrodite?“ (however they knew this term, probably their parents had talked about me). This irritated-repulsed-insecure inquiry by children of all ages concerning my gender is an old friend. And yes, in some regions of Germany (such as Eastern Hesse) even the older kids still voice it with a volume that can only be explained by an apparent lack of social competence in the presence of non-existent sensitization on behalf of the parents. So, does this question hurt me? Not really (see also Die Sache mit dem “Untenrum”). This sentence almost felt like a comfortable embrace of déjà vu. I was where I grew up. In a province where I have always been the odd number, the black sheep, the queer person on the edge of the photograph. Because in Eastern Hesse, being different, is, well … the exception. And I have always been different. Even when, as a child, I tried to blend in. Even when I tried to talk the neighbors‘ kids into believing that I was, in fact, a girl.

I guess I should have turned to this boy and told him: Well, you know, sometimes even I don’t really know. Like I do when I am home, here, in the comfortable surroundings of Mainz, a slightly less provincial city with a university. I am the oddball for many of you. Which is fine by me, I kinda like being a hybrid, even though I now carry a male name and will go on adapting my outer appearance accordingly, taking the male into my system, step by step.

Still, when I went to my reunion after this grocery extravaganza, I had lost my wish to communicate for a while. And so I stood in a corner, watching the people around me saying hello to each other. Stood there. Watching. Being the oddball but easing my way in, word by word. And before hours had passed, I sat down with people and talked to people that I hadn’t talked more than ten sentences to while still in school. My old friends from my highschool days and I didn’t find secure footing to reconnect that night. But that’s ok. It was a night of transition. And when time passes, we will find our ways to meet each other again.

PS: Thank you, Eastern Hesse. You aren’t even half as bad as I painted you here. You, too, are a big piece in the jigsaw of my life.

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