Vor dem Gesetz // Before the Law

Die Änderung meines Vornamens und meines Personenstandes dauerte ein halbes Jahr. Sechs Monate voller Therapeutenbesuche, Anträge, Gutachten gefüllt mit der Pathologisierung meines „Zustandes“ und letzten Endes: Warten. Warten darauf, dass der Richter aus dem Urlaub zurückkommt. Dass die Gutachter ihre Sicht der Dinge darlegen. Dass Fristen ablaufen. Dass Zahlungen verbucht und Protokolle getippt werden. Und dann vor sechs Wochen die Vorladung. Plötzlich nach der ganzen Warterei ging alles ganz schnell.

Vor knapp vier Wochen war es dann soweit. Ich war unglaublich aufgeregt. Hatte mir extra frei genommen und stieg dann zwei Stunden vor dem Termin in Frankfurt mit einer (absolut unnötigen) Kanne Kaffee in Zora, mein rosa Auto. Mein Therapeut hatte vorher Beruhigungsversuche gestartet mit den Worten „das ist ein reiner Verwaltungsakt“. Ich wollte ihm nicht glauben.

Ich war noch nie in meinem Leben in einem Gerichtsgebäude, zumindest nicht, wenn es um mich ging. Mein erster Versuch, das Amtsgericht zu betreten, endete mit einem „Da müssen sie einmal ums Gebäude rum, das ist der andere Eingang“. Das Areal des Amtsgerichts Frankfurt zeichnet sich nicht gerade durch Übersichtlichkeit aus. Allerdings hatte ich vor lauter Aufregung auch die unterschiedlichen Eingänge in der Vorladung übersehen und hatte mich rein nach Hausnummer orientiert. Am richtigen Eingang angekommen galt es, den Metalldetektor und die ausgesprochen unfreundlichen Schergen, die ihn verwalteten, zu überwinden. Ernste Mienen. Sechs Mal musste ich durch das Ding, jedes Mal piepte es. Beim letzten Mal musste ich meinen Gürtel ablegen, was meine zu große Hose übelnahm und mehr herabrutschte, als mir in einem solch öffentlichen Raum recht gewesen wäre. Ich fühlte mich unwillkommen und in Ermangelung eines anderen Vergleichs irgendwie ein wenig an Kafkas „Vor dem Gesetz“ erinnert. Ich mag es einfach nicht, wenn ich dem Wohlwollen anderer ausgeliefert bin. Nachdem auch das Geheimnis meiner metallenen EC-Karten-Halterung gelüftet war (man vermutete darin ein Messer oder Ähnliches versteckt), durfte ich mich auf die Suche nach dem Zimmer des Richters begeben, mit dem ich meinen Termin hatte. Ich war viel zu früh. Und viel zu aufgeregt. Ging mehrfach aufs Herrenklo. Schaute in Räume, deren Türen offen standen. Wanderte durch Hallen und bewunderte die Stuckdecken. Aber nahm irgendwie dann doch nichts wirklich wahr. Denn nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass hier gerade etwas Wichtiges, etwas Spannendes, etwas Magisches passierte.

Endlich war mein Termin quasi gekommen und bei meiner nächsten Runde durch den Gebäudeflügel stand die Tür zum Richterzimmer offen. Ich beschloss einen Vorstoß, klopfte und erkundigte mich, ob ich mich für meinen Termin noch einmal gesondert anmelden müsse. Der Richter sah von seinen Unterlagen auf und meinte: „Gut, dass Sie sich melden, mein Termin wurde leider doppelt belegt. Dann machen wir Sie früher, dann schaffe ich meinen zweiten Termin um 12“. Verwunderung machte sich breit. Ich hatte den Raum um 10 vor 12 betreten. Der meinte doch nicht wirklich, dass wir in 10 Minuten mit allem durchseien? Der Richter war all business. Meinen Perso wollte er sehen. Dann sah er kurz in die Unterlagen, diktierte meinen gewünschten Namen und fragte, ob sich an meinem Ansinnen auch nichts geändert habe. Ich verneinte. „Das Urteil ergeht dann in ihrer Abwesenheit, wir wären dann soweit fertig.“ Ein erneuter Blick auf die Uhr teilte mir mit, dass es 2 Minuten vor 12 sei. Bevor sein Büro verließ, fragte ich den Richter noch, wann ich denn mit dem rechtskräftigen Urteil rechnen könne. Er runzelte die Stirn und rechnete seinen Urlaub in den nächsten Wochen aus. „Mitte Juni sollten Sie den Brief haben“. Eine Minute vor 12. Die Tür fiel hinter mir zu.

Etwas Wichtiges. Etwas Magisches. In knapp 10 Minuten hatte der Staat seine Zustimmung dazu gegeben, dass ich jetzt auch offiziell Max heißen darf. Dass ich über meinen Namen entscheiden kann. Dass in meinem Ausweis in Zukunft „männlich“ steht. Kleiner Moment. Unheimlich große Wirkung. So groß, dass ich es immer noch nicht ganz begreife. Und es ist jetzt schon fast vier Wochen her! Was das alles wirklich bedeutet, das werde ich wohl erst in geraumer Zeit wirklich fassen können. Und das ist auch gut so, denn es ist in vielerlei Hinsicht fast so etwas wie eine Polumkehr. Ich bin gespannt, wer Max so sein wird. Wohin sein Weg ihn führt.

_________

Changing my name and my gender marker was a process that took about six months. Six months filled with reports, applications, more reports, the pathologisation of my „state“. And to a very large degree with waiting. Waiting for the judge to return from his vacation. For the therapists to draw up their reports. For due-dates to expire. For payments to be accounted for. For minutes to be typed up. And then, six weeks ago, the summons came here. After waiting for so long, everything started feeling very mach-speed to me.

Two weeks later I took the day off to drive to Frankfurt for my hearing. I was so nervous that I was sure I wouldn’t really need the thermos with coffee I stowed in the door of Zora, my car, before I took off. But hell, the red container gave me sth to hold on to, so I took it with me. Two days before I had met with my therapist for my monthly appointment. He tried to calm me down, telling me that the whole thing was more an administrative act than anything. I wasn’t ready to believe him. Yet.

I had never been to a court house before in my whole life, at least not for myself. My first attempt to enter the building ended in a friendly but not up-to-the-eyes-friendly: „This is the wrong entry. Go back outside and to the back of the building“. The Frankfurt court house area isn’t arranged very clearly. I have to admit, though, that in all my nervousness I hadn’t seen that the summons clearly stated I had to use entrance A in addition to the house number, which I had used. Finally, I reached the right entrance. Next step: Metal detector and very unfriendly personnel. Stony faces. Six times I had to go through this metal frame. This hellish contraption wouldn’t stop beeping, so I had to take off my belt as well. Something that my pants did not take too well. I had to yank them back up in order to not add public display of butt crack to the topics to be discussed. I felt unwelcome. And somehow, in the absense of any other possible reference, I felt reminded of Kafka’s „Before the Law“. I don’t like to be dependent on the benevolence of others. After the public guard dogs had also solved the mystery of my metal card holder (which they initially suspected to be a hidden knife), I was allowed to proceed to the judge’s chambers where the appointment was to take place. I was much too early for my date with the law. And much too nervous. Went to the restroom several times. Took a look at doors gaping open. Looked at the artwork of the ceiling and wondered, how many people had done the same before me. And yet, nothing really sank in. Because nothing was able to distract me from the fact that something important, something thrilling, something magical was about to happen.

Finally it was almost time for my appointment and when I returned from my last round through my wing of the building, the door to the judge’s chambers had opened a crack. I decided to make a run for it, knocked on the door and asked whether there was any other protocol to follow except entering. The judge looked up from his papers. „Good, you are here. I have a double-booking for 12 o’clock and if we can start now, I can do the other one on time.“ I was astonished. I had entered the room 10 to 12. Did he mean that we would be finished with our important business by 12? The judge was all business. Wanted to see my ID. Took a quick sweep of the papers concerning my case, dictated my new name and asked me whether my wish remained unchanged. I nodded. „I will type up my decision when you are gone. We are done.“ Another look at the watch on the wall told me that 8 minutes had passed. Before leaving his office, I asked him when I would receive the final judgement. His forehead wrinkled up while he calculated his upcoming vacation. „It should be in your mailbow sometime mid-June“. It was one minute before 12, when the door fell shut behind me.

Something important. Something magical. In less than 10 minutes, the state had given its consent to my name being Max for everyone in the future. Consent that I can do that. Consent, that my gender marker will read „M“ in every future document. „M“ for Max. Such a short moment. Unbelievable effect. So big that I still have trouble grasping the magnitude for me, and it has been almost four weeks now! I guess, it will take some more time until this all really sinks in. And maybe that’s a good thing, because I have done something very short of a reversal of poles, at least as far as my life is concerned. I am excited to find out, who Emmett Maximilian will be and where his road will take him.

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