… für die Lesbe im Mann // … for the lesbian in your man

Welchem Geschlecht ich mich zugehörig fühle, hat grundsätzlich nichts damit zu tun, wen oder wie ich begehre. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Fakt ist: Es wäre schlichtweg gelogen, zu behaupten, dass die Transition hier nicht auch ein bisschen herumwirbelt.

Vor meiner körperlichen Transition lebte ich lange, bzw. eigentlich meine gesamte Zeit als Erwachsener als Lesbe. Mein erstes Coming Out hatte ich mit 21 und schlichtweg all meine Partner ab diesem Zeitpunkt – mal abgesehen von einer wild durchknutschten Nacht mit einem Freund während meines Coming Outs – waren weiblich. Ich fühlte mich wohl in dieser Identität. Sie passte zu mir. Und auch zu meinem Beuteschema.

Ebenfalls ist Fakt: Auch wenn ich männliche Körper nicht unattraktiv finde (und durch das Testosteron eine ans Besessenhaft grenzende Faszination mit allem, was männlich ist, entstanden ist), habe ich mich bislang einfach nur in Frauen verliebt.
Dann kam die Transition. Und jetzt? Wer bin ich eigentlich?

Wenn meine Attraktionen sich nicht grundlegend ändern, werde ich in Zukunft ein männliches Wesen (von außen wahrgenommen ein Mann) sein, das Frauen liebt und mit ihnen lebt. Heißt das, ich bin heterosexuell?
Wenn ich in Zukunft mit P. in der Öffentlichkeit unterwegs bin, werden Menschen, denen wir begegnen und die wir nicht kennen, genau das sehen. Ein heterosexuelles Paar. Aber das stimmt nicht. Denn sie sehen dann vermutlich nicht mehr die zweite Seite von mir, die nach wie vor vorhanden ist. Den Feministen. Den Frauenrechtler. Den Außenseiter. Die Lesbe im Mann.

Abschied zu nehmen davon, dass Menschen mich als Lesbe wahrnehmen, war und ist vermutlich der traurigste Teil meiner Transition. Mein Liebesleben, mein Umgang, mein soziales Umfeld, das alles ist größtenteils homosexuell. Ich bin es gewohnt, Außenseiter zu sein, dazuzugehören und dann doch wieder nicht. Und eigentlich, ja eigentlich war ich damit ganz einverstanden, Rollenstereotypen und Clichées einfach durch meine reine Existenz den Stinkefinger zu zeigen. Angleichung an heterosexuelle Normen ist mir weder wichtig im Zusammenhang mit der Transition, noch war sie jemals Ziel. Und trotzdem wird mir im Restaurant nun noch nachdrücklicher nach dem Essen mit P. die Rechnung vorgelegt. Abwertend hochgezogene Augenbrauen, wenn ich P.s Hand halte oder sie in der Öffentlichkeit küsse, habe ich auch schon länger nicht mehr beobachtet. Ich habe ein Stück weit das Gefühl, zu verschwinden.

Ich höre sie geradezu, die Stimmen, die sagen: „Damit musst du jetzt leben. Das hast du ja vorher gewusst.“ Auch eine Stimme in mir sagt das immer wieder, wenn ich um die Tatsache greine, dass ich das Frauenzentrum, in dem ich neun Jahre lang ehrenamtlich Lesbenberatung angeboten habe, jetzt nicht mehr besuche. Denn das Zentrum ist ein Frauenraum. Ein Raum für Frauen, die sich als Frau definieren. Und das bin ich nun mal nicht. Diese Entscheidung ist für mich so selbstverständlich wie klar, und doch macht sie mich traurig.

Erst die körperliche Transition „ohne Oberweite“ wird mir vermutlich zeigen, wie Menschen mit mir und ich mit der veränderten Situation umgehen werde. Denn durch das Vorhandensein von Brüsten werde ich nach wie vor immer wieder auch mal als Lesbe verortet, jetzt nur eben mit ungepflegter und irgendwie seltsamer Gesichtsbehaarung. Ich überlege mehr oder weniger verzweifelt, wie ich später sichtbar machen kann, was darunter liegt. Kann ich eine Lesbe im Männerkörper bleiben? Wird sich auch das verändern? Und wie eklig ist das denn? Denn zu oft habe ich den Satz von Männern gehört: „Höhö, ich bin auch lesbisch“, um diese das guten Gewissens sagen zu können.

„Das Leben ist ein Wartespiel“, sagte gestern der Richter zu mir, als ich wegen meiner Namens- und Personenstandsänderung angehört wurde. Er meinte damit, dass die Mühlen der Justiz bestimmte Wartezeiten zur Folge haben auf dem nun auch offiziellen Weg zu Max. Als Spiel empfinde ich es zwar nicht, aber vielleicht kommt mir ja während dieses „Spiels“ ja doch noch eine zündende Idee für die Lesbe im Mann.

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What gender I identify with has nothing to do with whom or how I define my desire and attractions. These are completely different chapters in the book of your life. But one thing is for certain: transitioning and taking hormones definitely also produces some bingobongo in that respect.

Before transitioning I lived and loved as a lesbian for the most part of my life. I came out at the age of 21 and all partners I had from then on (apart from one silly, alcohol-induced night that I spent french-kissing a male friend) were female. I was at home with my identity. It fit me like a glove. And it fit the way I defined my desires.

Also true: Even though I am finding the male body less and less unattractive (and taking T has produced a fascination bordering on obsession with everything male – and I mean EVERYTHING), I have found myself to fall in love exclusively with women until now. Then I started my transition. And now? Who am I now?

Wenn meine Attraktionen sich nicht grundlegend ändern, werde ich in Zukunft ein männliches Wesen (von außen wahrgenommen ein Mann) sein, das Frauen liebt und mit ihnen lebt. Heißt das, ich bin heterosexuell?
Wenn ich in Zukunft mit P. in der Öffentlichkeit unterwegs bin, werden Menschen, denen wir begegnen und die wir nicht kennen, genau das sehen. Ein heterosexuelles Paar. Aber das stimmt nicht. Denn sie sehen dann vermutlich nicht mehr die zweite Seite von mir, die nach wie vor vorhanden ist. Den Feministen. Den Frauenrechtler. Den Außenseiter. Die Lesbe im Mann.

Abschied zu nehmen davon, dass Menschen mich als Lesbe wahrnehmen, war und ist vermutlich der traurigste Teil meiner Transition. Mein Liebesleben, mein Umgang, mein soziales Umfeld, das alles ist größtenteils homosexuell. Ich bin es gewohnt, Außenseiter zu sein, dazuzugehören und dann doch wieder nicht. Und eigentlich, ja eigentlich war ich damit ganz einverstanden, Rollenstereotypen und Clichées einfach durch meine reine Existenz den Stinkefinger zu zeigen. Angleichung an heterosexuelle Normen ist mir weder wichtig im Zusammenhang mit der Transition, noch war sie jemals Ziel. Und trotzdem wird mir im Restaurant nun noch nachdrücklicher nach dem Essen mit P. die Rechnung vorgelegt. Abwertend hochgezogene Augenbrauen, wenn ich P.s Hand halte oder sie in der Öffentlichkeit küsse, habe ich auch schon länger nicht mehr beobachtet. Ich habe ein Stück weit das Gefühl, zu verschwinden.

Ich höre sie geradezu, die Stimmen, die sagen: „Damit musst du jetzt leben. Das hast du ja vorher gewusst.“ Auch eine Stimme in mir sagt das immer wieder, wenn ich um die Tatsache greine, dass ich das Frauenzentrum, in dem ich neun Jahre lang ehrenamtlich Lesbenberatung angeboten habe, jetzt nicht mehr besuche. Denn das Zentrum ist ein Frauenraum. Ein Raum für Frauen, die sich als Frau definieren. Und das bin ich nun mal nicht. Diese Entscheidung ist für mich so selbstverständlich wie klar, und doch macht sie mich traurig.

Erst die körperliche Transition „ohne Oberweite“ wird mir vermutlich zeigen, wie Menschen mit mir und ich mit der veränderten Situation umgehen werde. Denn durch das Vorhandensein von Brüsten werde ich nach wie vor immer wieder auch mal als Lesbe verortet, jetzt nur eben mit ungepflegter und irgendwie seltsamer Gesichtsbehaarung. Ich überlege mehr oder weniger verzweifelt, wie ich später sichtbar machen kann, was darunter liegt. Kann ich eine Lesbe im Männerkörper bleiben? Wird sich auch das verändern? Und wie eklig ist das denn? Denn zu oft habe ich den Satz von Männern gehört: „Höhö, ich bin auch lesbisch“, um diese das guten Gewissens sagen zu können.

„Das Leben ist ein Wartespiel“, sagte gestern der Richter zu mir, als ich wegen meiner Namens- und Personenstandsänderung angehört wurde. Er meinte damit, dass die Mühlen der Justiz bestimmte Wartezeiten zur Folge haben auf dem nun auch offiziellen Weg zu Max. Als Spiel empfinde ich es zwar nicht, aber vielleicht kommt mir ja während dieses „Spiels“ ja doch noch eine zündende Idee für die Lesbe im Mann.

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