Die Sache mit dem „Untenrum“ // And what about „down there“?

Unglaublich. Drei Gedankenberge in einer Woche. Hätte ich nicht gedacht, aber kam ganz einfach so. Und dieser hier jetzt einfach zum guten Wochenschluss am Sonntag.

Wenn du dich für eine körperliche Transition entscheidest und obendrein beschließt, deine Umwelt mit einzubeziehen, Menschen von deinem Weg zu erzählen, dann kommt sie irgendwann. Die Frage nach dem „Ja, und untenrum?“. Bei anderen früher, bei anderen später. Und der Zeitpunkt hat nicht unerheblich mit dem Alter und den bereits erworbenen sozialen Inhibitionen zu tun.

Von Kindern kommt die Frage manchmal direkt, manchmal erst nach ein paar Tagen, aber immer aus dem Bauch: “ Wächst dir dann auch ein Pipimann?“ Erwachsene schauen häufig etwas betreten aus der Wäsche, aber auch ihnen steht die Frage meist in Leuchtbuchstaben auf der Stirn. Sie trauen sich nur nicht. Mit Recht?

Wenn ich mich durch die Aussagen der sogenannten Community klicke, sehe ich so viele Meinungen zu dieser Frage, wie ich Essays/Posts/Artikel lese. Das geht von auf T-Shirts aufgedruckten Antworten: OMG, Karen, you can’t just ask people, what’s in their pants! bis hin zu offenem Umgang und direkter Antwort auf die Frage.

Tatsache ist: Jemanden danach zu fragen, was oder was nicht er/sie/es/* zwischen ihren Beinen tragen, ist unglaublich persönlich. Ich käme niemals auf die Idee, meine Brüder, männliche Freunde oder Bekannte zu fragen, wie lang denn ihrer so ist. Oder meine Freundinnen und Bekannten nach dem Aussehen und der Beschaffenheit ihrer Schamlippen oder Klitoris zu fragen. Warum auch? Es geht mich nichts an. Diese Höflichkeitsform würde ich jetzt grundsätzlich auch erst einmal für Transmenschen so in Anspruch nehmen wollen. Und trotzdem kommt sie, die Frage.

Was macht Transmenschen so anders, dass das soziale Umfeld meint, dieses Eindringen in die Privatsphäre rechtfertigen zu können? Meine Idee dazu ist, dass wir etwas aufbrechen, was für die meisten Menschen so derart in Stein gemeißelt ist*, dass der Bruch mit dieser Konvention im Kopf zu einer Art Kurzschluss führt. Das Betriebssystem meldet: „Does not compute“ und will heim zu Mama. Da passiert es schon mal, dass erlernte Höflichkeitsformen ohne einen zweiten Blick über Bord geworfen werden, besonders, wenn die Frage am Telefon oder (noch schlimmer, wissen wir alle) hinter einer Tastatur verschanzt gestellt wird.

Das Komische ist (und ich erhebe, wie immer, grundsätzlich keinen Anspruch auf der Weisheit letzten Schluss und ich bitte darum, die nun folgende Meinung keinesfalls zu verallgemeinern, sonst hängt dir/Ihnen eventuell demnächst eine wütende Transfrau oder ein wütender Transmann im Gesicht, und das mit Recht):

So unhöflich die Frage ist, so menschlich ist sie doch. Und meistens antworte ich sogar darauf, je nach Tagesform mehr oder weniger eloquent. Ich spreche über das, was ich mit meinem Körper vorhabe. Das, was mit ihm passiert, wenn auch altersgerecht und beziehungsgerecht gefiltert. Der Kassiererin im Supermarkt werde ich anders antworten, als Menschen, die ich schon mein Leben lang kenne. Kindern erläutere ich ganz sicher nicht das durch Testosteron angekurbelte Wachstum bestimmter Körperteile. Aber ich erkläre ihnen, dass ich keinen „Pipimann“ bekomme, sondern hoffnungsvoll einen Bart. Und das die „Mädels“ wegkommen (a.k.a. meine Brüste). Und dann lasse ich sie meine Bartstoppeln unter dem Kinn zählen.

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*Als ich meinem Therapeuten gegenüber vor mehreren Monaten mein Unverständnis zur Wahrnehmung von Geschlecht äußerte (wenn ich mich nicht täusche, sagte ich damals so etwas wie „Mir ist doch egal, welches Geschlecht jemand hat, ich nehme das nicht wahr“), gab er mir eine Frage zurück, die meine Aussage schnell in einem gänzlich anderen Licht erscheinen ließ. Er fragte: „Nach wem drehen Sie sich auf der Straße um, wenn Sie unterwegs sind, vorausgesetzt, sie schauen abgesehen von ihrer Partnerin anderen hinterher (was ich bejahte)“. Meine Antwort war: „Na, Frauen zuerst einmal“ (was meinem primären Beuteraster entspricht). Darauf seine Antwort: „Sehen Sie, auch Sie ordnen im ersten Schritt erst mal Menschen nach ihrem Geschlecht zu.“ Dieses Gespräch ändert zwar nichts daran, dass es zuerst einmal höflich ist, sich nicht nach den Genitalien von Menschen zu erkundigen, die ich nicht kenne. Es untermauert aber eindringlich, wie unmittelbar die Sortierung in unseren Köpfen funktioniert. Und wie wichtig diese Kategorisierung in unserem Bewusstsein verankert zu sein scheint.

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Wow. Three posts in one week. Who would’ve thought. But it just happened. And this one is for the weekend.

If you decide to physically transition and to involve your surroundings, to tell people about what you are going through, it is inevitable: The most important question of all questions, it seems: „So, what about down there?“ For some, it takes time, others blurt it out the minute they find out. It’s timing, it seems, is intricately interwoven with age and the amount of social inhibitions the respective person has acquired.

Children sometimes ask that very second, sometimes they take some time to process, but their questions, it seems, are always gut questions: „So, will you grow a peepee then?“ Grown-ups usually don’t ask that question. They prefer to beat around the bush for some time, but you know it is there. They just don’t dare to. Is that the right thing to do?

When I read up on transitioning in the so-called community, I saw as many opinions on that matter as I read essays/posts/articles. It starts with shirts with snappy replies: OMG, Karen, you can’t just ask people, what’s in their pants! and ends with open, uninhibited answers of the question.

Fact is: To ask someone, what he/she/it/they/* have or don’t have between their legs, is incredibly personal. I would never aks my brothers, male friends or acquaintances what their dick is shaped like or how long it is. Neither would I ask female friends and acquaintances about the makings of ther labia or clitoris. Why? Because it is none of my business. So why is it, that this courtesy is often denied to trans folk?

What makes transgender people so different that your social surroundings seem to feel entitled to involve themselves with your private parts? I think that our mere existence breaks up structures that are set in stone for so many people* that the mere fact of breaking this rule produces a kind a of short circuit. The operating system states: „Does not compute“ and decides to run home. I guess, when that happens it is pretty normal to throw common rules of courtesy overboard, especially, when the conversation is done via phone or (even worse) hidden behind a keyboard.

The weird thing is (and let me state here that I am certainly not the well of wisdom and I dearly ask you to not generalize this statement, otherwise the next angry trans-person might blow up in your face, and rightly so):

As insensitive as the question may seem, it is also incredibly human. Which is why, most of the time, I usually answer (eloquence varying due to the way my day has been going). I talk to them about what I intend to do with my body. And about what happens with it due to HRT, of course adapting to age and relationship with the person in front of me. Of course I will provide the cashier at my supermarket with a more public set of info than a person that I have known all of my life. And I will not explain to children what exactly all the changes are that testosterone entails, and definitely not the growth of certain body parts. I tell them, that there will be no peepee but that I hope for a decent amount of facial hair. And that the „girls“ (a.k.a. my breasts) will go soon. And then I let them count the hairs of my chin.

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*When I talked to my therapist about me not understanding why gender matters so much to many people a while back (if I am not mistaken I said something along the lines of „I don’t care what gender somebody has, I don’t think it is relevant“), he answered back with a question that let me see things in a slightly different light: „If you see someone attractive in the street (provided that you do look at other people than your partner (to which I nodded)), who will you turn your head for?“. I answered: „Well, first of all, women“ (who are still my preferred mating partners). He said: „See, the first thing you do is sorting people into their gender box.“ Even though this conversation doesn’t change the fact that it is common courtesy to not ask other people than your partner about their genitals, it does make clear how immediate the gender question ist. And how deeply rooted it seems to be in our conscience.

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2 Gedanken zu “Die Sache mit dem „Untenrum“ // And what about „down there“?

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