Nächster Halt: Alter Mann // Next stop: old geezer

44 Jahre alter, pubertierender Jüngling sucht Ventil.

Mit meinem doch recht spät begonnenen Transitionsvorhaben entwickelt sich mehr und mehr eine, wie ich finde, hoch paradoxe Situation:

Mein 44 Jahre alter, langsam die ersten Gebrechen präsentierender Körper durchwandert seine zweite Pubertät. Und der dazugehörige Kopf auch. Mein Kopf, der, der immer besonnen und kompromisslastig agiert hat, denkt plötzlich mit einem gefühlten Alter von vielleicht Mitte 20, höchstens Anfang 30. An manchen Tagen auch einfach mal im Teenageralter. Und da steh ich dann (oder sitze) und fühle mich jung, agil, möchte Risiken eingehen, die ich auch in meiner ersten Pubertät nie eingegangen bin und wundere mich hinterher (meistens am nächsten Tag), warum mir alle Knochen wehtun. Warum mein Blutdruck wieder hoch ist. Warum ich kaum aus den Augen schauen kann. Oder warum Menschen um mich herum etwas komisch schauen. Sie sehen einen Menschen mittleren Alters, übergewichtig, mit hochrotem Kopf. Ich fühle einen Teenager oder Twen, der sich ausprobieren will.

Ich kann mir nicht helfen. Ja, es ist völlig ok, dass ich erst jetzt soweit war, die Reise anzutreten, die Seiten zu wechseln und auf andere Weiden überzusiedeln: Und trotzdem fühle ich mich um eine Zeit betrogen, die ich nie kannte, nie hatte. Die Sorgloszeit, die Nach-Mir-die-Sintflut-Zeit. Die Zeit der Übergangsriten und Schritte zum Erwachsenen.

Denn das erste Mal, als ich diese Phase in meinem Leben durchlebte, lag vor mir eine Zukunft, die ich nicht wollte. Passierten Dinge mit mir, die ich sofort und in vollem Umfang umgekehrt hätte, wenn ich damals die Möglichkeit gehabt hätte. Ich wurde äußerlich zu etwas, was ich komplett ablehnte. Was ich trotz vieler Versuche, es mir schönzureden, einfach nicht für mich annehmen konnte. Mir wuchsen diese Taschen auf der Brust, die jede Bewegung erschwerten. Ich blutete. Und das alle zwei Wochen. Musste ständig mit Binden vom Ausmaß eines Schlauchbootes in der Unterhose herumlaufen. Hielt mich krumm, damit niemand die riesigen Brüste sah, die bei Nachbarpartys gerne als „Torpedos“ bezeichnet wurden. Und ich aß. Aus Frust. Aus dem Versuch, Rundungen zu verdecken, wurden andere Rundungen. Nach außen markierte ich die angepasste Tochter, zu erwachsen für ihr Alter, zu reif, zu nachdenklich.

Diese Sorglosigkeit, die ich damals gern gefühlt hätte, dringt heute hier und da durch die Ritzen, spült sich in unbeobachteten Momenten nach draußen zwischen Kunden, Auftragsabwicklung, Steuererklärung und Krankenkassenanträgen. Sucht ihren Platz. Sucht ihre Passage ins Erwachsensein. Aber nicht ins Altsein. Und so erscheint ein sehr alberner, zuweilen etwas anstrengender Teil, der sich eine Fantasiewelt schafft, in der ich jung bin, mich bewegen kann, wie ich will, in der ich mit anderen „Kindern“ durch die Straßen rennen kann und am nächsten Tag keine Schmerzen in Rücken, Knien und Armen habe.

Vermutlich muss und wird diese Zeit ein Seiltanz zwischen Unreife und Bluthochdruck bleiben müssen. Muss ich meinen Frieden damit machen, dass Menschen um mich herum andere Dinge von mir erwarten, als ich zu leisten bereit bin. Aber es wird auch eine Zeit, in der ich kreativ etwas ändern kann. Denn auch wenn ich jetzt alt werde, ich werde doch zumindest alt in einem Körper, mit dem ich endlich das Kriegsbeil begraben kann.

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44 year old youngster, stuck in puberty and looking to vent.

My late transition presents me with a bouquet of strange phenomena, one of which leaves me quite flabberghasted time and again:

My 44 year old, slowly declining (yes, I am exaggerating, but who cares) body is facing its second puberty. And takes my head with it. Said head, which has proven to be my mindvoll, prone-to-compromise guide through life, is now speeding off into adventure, allowing me to experience a felt age of mid-20s or 30s tops. On some days, the space between my ears, I fear, isn’t even of age anymore. There I am, feeling young, agile, wanting to take risks that I didn’t even dare dreaming of when my first puberty was up and running (oops, I almost typed rimming there …). And on the day after, I feel like shit, every bone hurts or my blood pressure is through the roof. When I look into the mirror on days after those bouts of craziness, I can hardly open my eyes. And people around me do their set of eyebrow karate. Because, you see, they see a middle-aged human being, overweight with a red head, huffing away. While I feel like a teenager ready to blow off some testosterone steam. I just can’t help it.

Yes, it is absolutely ok that I decided to embark on this journey that late. To once again switch sides. To move on to T-pastures. And yet I feel swindled out of a time of my life I will never know. The time of carelessness, of hit-the-road-and-never-look-back. That time brimming with rites of passage and steps towards becoming who you are.

When I went through this change for the first time, I was headed towards a future I didn’t want. With and around me, things kept happening that I would have reversed that very instant, had I been the powers that be. Because on the outside I turned into someone I rejected vehemently. Someone I simply couldn’t accept, no matter how hard I tried (and I tried). First there were those bags on my chest, making every arm movement a misery. I bled. Every two weeks. Had to deal with walking around with maxipads the size of rafts in my pants. Kept walking crooked to hide those tits that neighbors at partys kept referring to as „torpedos“. And I ate. Ate up my frustration. By trying to hide the female set of roundness, a different set was created. On the outside I kept presenting as the well-adjusted daughter, too grown-up for her age, too mature, too broody.

The carelessness I saw all around me then is something that floods my life these days. Over 30 years late, but still. It blows gaskets here and there and hits me in those moments between dealing with customers, translating texts, doing my taxes, and applying for surgery with my health insurance. It wants, it needs to be seen, looking for its passage into the grown-up world that is also mine. This is what makes me a silly, sometimes exhausting being to the people around me. And so I create yet another fantasy world. A world, in which I am young, in which I can move like I want and run around with the other „kids“ without having to fear a day on pain meds on the morning after.

I guess, this time will have to remain a tightrope walk between inmaturity and high blood pressure. I will have to make my peace with the fact that people keep expecting stuff from me I am not willing to provide. But it will also be a time that enables me to be creative with the cards I have been dealt. Because even though I am growing old, I can do it in a body that I will finally be able to make my peace with.

 

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