Transition = Wartezeit? // The waiting game

Mit absoluter Sicherheit kann ich behaupten, dass ich auf nichts in meinem bisherigen Leben mit derart inbrünstiger Ungeduld gewartet habe, wie auf das Einsetzen sichtbarer Reaktionen auf die Testosteronspritzen, die ich seit nun fast schon einem Jahr bekomme.

Ungeduld. Morgens beim Aufwachen, beim Kratzen im Gesicht, beim (sicherlich verfrühten) Blick ins (noch) haarfreie Decolleté, beim Abtrocknen der Beine, beim Blick in den Spiegel, beim Betasten von Regionen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte, beim Stehen vor dem Spiegel im Fitnessstudio, beim beinahe religiös zelebrierten abendlichen Ablichten meines Gesichts.

Die Transition ist ein Geduldsspiel und Geduld ist eine Währung, in der ich notorisch klamm bin. Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich keine Stoppeln in der richtigen Länge in meinem Gesicht entdecke, obwohl seit der letzten Rasur schon Tage vergangen sind. Wenn ich könnte, würde ich alle 10 Minuten vor den Spiegel rennen. Ist schon was gewachsen? Sieht es anders aus? Was ist anders? Da ist was anders, oder? Ist doch. Oder nicht?

Und so sehr ich auf Veränderungen warte, so verunsichert bin ich, wenn ich tatsächlich welche bemerke, oder noch besser, wenn andere sie bemerken oder auch nicht. Hier dreht sich im Moment eigentlich das einzige Gedankenkarussell auf dem Rummel meines Lebens und das mit lauter Europopmusik. Ansonsten fühl ich mich erstaunlich ruhig und ausgeglichen (NICHT). Wie reagieren Menschen darauf, was ich zu sehen meine? Haben sie was gemerkt? Warum haben sie nichts gemerkt? Oder haben sie sich einfach nur nichts anmerken lassen? Oder wollten sie einfach nur nichts sagen? Transition, das ist auch Ratespiel.

Der Wahnsinn. Bis ein befreundeter Transmann neulich zu mir meinte: „Hör auf, darauf zu warten. Das ist ein bisschen so, als würdest du darauf warten, dass du dich endlich verliebst: Sobald du aufhörst, zu warten, passiert es.“

„Leichter gesagt als getan“, knurrte ich in meinen fleckigen Stoppelbart auf dem Heimweg vom Transstammtisch. P rollte gekonnt mit den Augen. Sie hört so etwas häufiger. Aber mein Freund hatte recht. Seit ich nicht mehr täglich Fotos von meinem Gesicht mache, nicht mehr ständig nach neuen Haaren oder (noch besser) nach noch nicht mit Haaren besetzten aber deutlich aktivierten Poren forsche, scheint mehr zu passieren. Sollte er Recht gehabt haben?

Auf alle Fälle bin ich seitdem etwas ruhiger geworden. Vielleicht ist das tatsächlich der beste Weg in der Transition: einfach dein Leben weiterleben. Achtsam, aber nicht fahndend. Die Veränderung passiert, wenn du gerade nicht in den Spiegel schaust. Wenn du Dinge tust, die du sowieso jeden Tag tust. Spannende Zeiten.

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One thing is abso-frickin-lutely for sure: I have never waited for anything with such a passion like I am waiting for visible proof of the injections I have been receiving for almost a year now.

Impatience screaming at me in the mornings, when I wake up, scratching my face, when I press my double chin to catch a premeditated glimpse of my still ominously hairless chest, when I towel off my legs, check my reflection in the mirror, finger bodily parts that to name here would simply be too much tmi, in front of the mirror of my gym or when taking pics of my face every evening.

Transition is a waiting game and patience a currency I am very short on. It drives me up the wall to not see the right amount of stubble in a satisfying length on my face even though so many days have passed since my last shave. I would run in front of a mirror every ten minutes, if I could. Is there more? Does it look any different? There’s something different, isn’t there? It is, is it? Or isn’t it?

And as much as I am longing for change, as insecure I get when I’m actually confronted with change. Or even better, when I check others for reactions to it. Did they see it? Or are they just playing it cool? Transition, also a guessing game.
That is the carrousel I spend most of my time on these days while loud eurotrash-popsongs blast my ears.

An FTM friend of mine said a couple of weeks ago: „Stop waiting for it. It’s a little bit like waiting to fall in love. As soon as you stop waiting for it, it will happen.“

„Easier said than done“, I mumbled into my patchy stubble on my way back from trans group. P. rolled her eyes to the back of her head. These are sentences she has grown very used to, lately. But my friend was right. Since I have stopped taking daily pictures of my face and obsessively looking for new follicle growth, change comes along faster than before. At least it seems like that.

Anyhoo. Emotions are kinda cooling down now. Maybe that is the way to get through transition: just keep living your life. With attention but not obsession for all the little things in transition. Change happens when you are not pressing your face to the mirror. When you do the things that you just do. Every day. Exciting times!

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