Leo Caldwell hatte recht. // Leo Caldwell was right.

Neulich stolperte ich bei einer meiner seltener gewordenen facebook-Lektüren über die online-Präsenz des Transfilms „Real Boy“ – einem ganz tollen Projekt übrigens –  (der Thread ist bei Interesse hier zu finden) auf den Blog eines Transmannes namens Leo Caldwell. Er beschreibt in sehr schön geschriebenen Essays seine Gefühle zu seiner Transition. Eine seiner Abhandlungen ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Sie heißt „5 things I learned taking testosterone“.

Wie schon zuvor erwähnt, Transmänner eines etwas höheren Semesters, die ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen bereit sind, sind eher rar gesäht, daher war ich begeistert und auch die Art wie Leo schrieb, sprach mich direkt an.

Ein Satz aus diesem Essay ist mir besonders in Erinnerung geblieben und er drückt eine Überraschung aus, die ich immer häufiger erlebe:

„I was under the impression it was like remodeling the outside of the house. Yes, I’d get new and exciting changes, maybe a paint job, but I thought the interior would mostly remain the same. I was wrong.“

Als ich mit der Hormonsubstitution begann, sprach ich oft mit P. darüber, dass ich sicher sei, dass neben den äußerlichen Veränderungen, die ich mir sehnlichst herbeiwünschte, mein tiefster Kern, die Essenz dessen, was und wer ich bin, vom Testosteron unberührt bleiben würde. Das stimmt so nicht. Ich nehme inzwischen Veränderungen im Bereich Psyche und Verhalten wahr, die ich vor Beginn meiner Reise für unmöglich gehalten hätte.

Panik.
Da ist zunächst einmal mein unsagbares Talent, mich in Panikspiralen zu verstricken und nächtelang nicht zu schlafen, weil meine Sorgen von Hölzchen auf Stöckchen fröhlich in die nächste und übernächste imaginäre Katastrophe hüpften. Und jetzt? Nix. Buppkes. Niente. Ich schlafe nachts oft wie ein Baby. Manchmal sogar ununterbrochen, ein Zustand, den ich vorher so selten in meinem Leben erreicht hatte, dass ich die Anzahl der Nächte vermutlich an 1×2 Händen abzählen könnte. Sind die Sorgen damit ganz verschwunden? Neee, nicht ganz. Sobald der Testosteronspiegel zu sinken beginnt, merke ich sofort, dass die alten Freunde wieder anklopfen, wenn auch nicht mehr in dem Maß, wie früher. Unglaublich, aber das mit den vielen Rädchen und Schräubchen in der Psyche einer Frau scheint zu stimmen.

Zuhören.
Kann ich immer noch. Aber mein Gehirn scheint an bestimmten Stellen eine eigene Vorstellung davon zu haben, wann das akustisch aufmerksame Beiwohnen von Äußerungen anderer nicht mehr opportun ist. Mein Kopf schaltet einfach ab. Ich höre gesprochenes Wort dann nur noch als Geräusche, nehme auch mein Umfeld wahr, aber ich bin woanders. Manchmal nicht wirklich an einem wichtigeren Ort. Hier scheint mein Gehirn seinen eigenen Plan zu haben. Denn häufig sind die Informationen, die nach dem Notausschalter noch fließen, durchaus relevant und wichtig und es wäre besser, wenn sie auch bei mir ankommen. Daher habe ich mir angewöhnt, einfach ehrlich zu sein und sage: „Es tut mir leid, ich habe dir gerade nicht bzw. nicht mehr zugehört.“ Das hätte ich früher im Leben nicht getan. Geht aber nicht anders. Was den Notausschalter auslöst, weiß ich übrigens immer noch nicht.

Geduld.
Zugegeben, Geduld steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Zuhören. Aber es ist ein anderer Bereich desselben Spektrums. Meine Geduld ist unglaublich eingeschränkt. Ich mochte mein früheres Selbstbild des geduldigen Menschenfreundes durchaus. Immer Zeit für andere, immer ein offenes Ohr. Ich würde nicht sagen, dass ich gar nicht mehr geduldig sein kann, aber häufig reißt mir inzwischen nach der zweiten oder dritten Nachfrage selben Inhalts spätestens der Faden und ich fahre Menschen an, sich zu beeilen oder besser zuzuhören. Interessant, insbesondere da ich von P. immer wieder Geduld erwarte, wenn ich alles vergesse, was erledigt, getan oder an das sich erinnert werden sollte (weitere Nebenwirkung von Testosteron: Kopf=Sieb mit großen Löchern). Ist das fair? Nicht wirklich. Passiert es trotzdem? Aber ja.

Euphemismen.
Ebenfalls unmittelbar verbunden mit dem vorherigen Punkt. Auch unangenehme Zusammenhänge für so ziemlich jedes noch so empfindliche Ohr geeignet zu vermitteln, ist mir zwar immer noch möglich, benötigt aber all meine Geduld, deren Verlust ich ja eben erwähnt hatte. Das Eis für Euphemismen wird immer dünner. Vielleicht ist das gut?

Pienzen.
Ist noch da. Aber deutlich weniger. Tut was weh? Sag ich schon mal. Aber mal. Ist es stressig? Nö. Bin ich müde? Ja, und? Komisch. Und direkt daran schließt sich trotz meines nach wie vor vorhandenen Pessimismus über die Situation der Welt im Allgemeinen ein angenehm positives Selbstbild durch. Etwas, was ich bis dato nicht kannte. Wenn mich heute jemand fragt, wie es mir geht, sage ich: „Prima.“ Das ist weder übertrieben, noch gelogen. Es ist einfach so. Menschen, die mich schon länger kennen, zaubert diese Tatsache hin und wieder mal Augenbrauenkarate ins Gesicht, mich eingeschlossen.

So. Jetzt hab ich keine Lust mehr. Das war die Nabelschau für heute.

—–

A couple of days ago I was on facebook, a favorite waste of time I spend less and less time pursuing these days. Through a link posted on the facebook page of the trans-themed documentary „Real Boy“ – a wonderful project btw –  (if you’d like to check it out, click here) I found a blog written by Leo Caldwell. In beautiful essays he explains how he feels about his transition. One of them is called „5 things I learned taking testosterone“, and it really hit home.

As I mentioned before, most of the mature trans men usually don’t seem to share their transition stories. So it made me all the more happy to have found Leo’s site. And I immediately connected to the way he wrote.

One sentence of the essay really kept ringing in my mind, even days later, as it expresses perfectly, how I feel when experiencing the changes through T:

„I was under the impression it was like remodeling the outside of the house. Yes, I’d get new and exciting changes, maybe a paint job, but I thought the interior would mostly remain the same. I was wrong.“

When I began HRT, I often reassured P. that those changes ahead of us wouldn’t affect my core, the essence of who I am, but rather my outside. I can no longer say that. By now I have realized changes in psyche and behavior that I had deemed impossible before I started this journey.

Panic attacks.
I used to have the talent to transform miniscule problems of my everyday life into spirals of doom which would leave me sleepless for nights on end, creating one doomsday scenario after another in my head. And now? Nix. Bupkes. Niente. I sleep like a log (and snore like a sawmill). Sometimes even without getting up to pee. That would have been impossible before. In fact, I think I can count the nights on which I made it through the night without so much as a tinkle pre-T on two hands. So, have my fears evaporated into thin air? No, not quite. As soon as my T-levels begin to decrease, I can hear those old friends knocking on my door. But their sounds are so much less annoying. The female psyche does seem to be more complex and prone to nightly unrest.

Listening skills.
Still there. But my brain seems to have an entirely different itinerary when it comes to being able to pay attention to sentences and when to drop out and leave the loop. I just turn off. Yes, I can hear that words are being spoken, I still appreciate my surroundings. But my mind has fled the scene. And most of the time it is not necessarily a better one it has run to, mind you. Fact is, my brain seems to function on its own time. More often than not, the information provided after my mind has hit the road are important and should reach me in some way. Which is why I have decided to meet this situation with complete honesty: „I am sorry, I didn’t listen/have stopped listening. Could you please repeat what you just said?“ Impossible pre-T. But no way around it. Btw: what activates the emergency stop still beats me.

Patience.
Yes, yes I know. Patience is directly connected to listening skills, but it is another area. My patience is little these days. Extremely short-tempered. I kinda loved my self-image of being a philantropist, always lending an ear to my fellow humans. Yes, I can still be patient, but lately the ice slower people in my surroundings tread on can wear dangerously thin within one or two „Can-you-please-repeat-that?“s. What really galls my grown-up mind, though, is the fact that I expect P. to be patient time and again when I forget stuff (one further side effect of T: Brain=one frickin‘ hell of a sieve). Is that fair? Not really. Does it still happen? Of course it does.

Euphemisms.
Also in close connection to the preceding point. Pre-T it was one of my better abilities to be able to wrap harsh truths in such a way that even the ever so sensitive ear of princes and princesses were able to accept them. I can still do that. But it acts like one hell of a climate change on the ever so thin ice that is my patience. Euphemisms are in immediate danger of becoming extinct. Maybe that is a good thing?

Whining.
Still there. But so much less. Something hurts. I will comment on that. Once in a while. Am I stressed out? Nope. Tired? Yeah. But that’s ok. And then there is a positive self-image that keeps emerging inspite of my general pessimism regarding the state of the world. If someone asks me today, how I am doing, I will most likely answer: „Frickin‘ great“. And that neither an exaggeration, nor a fib. It just is. And yes, for people who have known me over substantial amounts of time, eyebrow karate ensues, me included.

And that’s it for today.

PS: Please excuse the excessive use of ice-related metaphors in this text. And maybe even the false use of the term metaphor. 😉

 

 

 

 

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